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Exegetica

Das Opium der Zweifler Ein neuer Blick auf die Wundererzählungen des Neuen Testamentes


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Immer noch ergreift die Sensation den modernen Zeitgenossen. Auch nachaufklärerisch ist die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen groß. Zweifler aller Couleur bauen einem Faustpfand gleich auf Wunder, um sich ihrer Weltsicht zu vergewissern. Die einen brauchen sie, um den aufkeimenden Glaubenszweifel niederzuringen, die anderen, um den Glaubenszweifel zu legitimieren. Das Wunder bleibt beider Zweifel liebstes Kind.

Supra naturam vs. contra naturam

Es ist gerade die supranaturalistische Außergewöhnlichkeit, die Wunderkritiker wie Wundergläubige benötigen. Letztere sehen in der natürlichen Unerklärbarkeit eines Ereignisses den Erweis der Wirksamkeit Gottes. Gerade das aber spielt den Wunderkritikern in die Hände, die die Unvernünftigkeit und die Unvereinbarkeit mit den naturgesetzlichen Verlässlichkeiten der Welt als Anlass nehmen, nicht nur die Wunder in Frage zu stellen, sondern mit den Wundern auch die Möglichkeit transzendentaler Erkenntnis an sich. Die unterschiedliche Haltung des Menschen der Gegenwart dem Wunder gegenüber bildet so nicht nur sein Changieren zwischen postmodernen und postfaktischen Befindlichkeiten ab, mit dem er grundsätzlich Welt und Wirklichkeit begegnet; es zeigt auch, dass das Wunder an sich ambivalent ist.

Was Wunder

Der Begriff des „Wunders“ teilt das Schicksal vieler selbstverständlich verwendeter Begriffe. Es scheint festzustehen, was der Begriff meint; eine faktische Vergewisserung findet aber nicht statt. Bei dem Begriff „Wunder“ steht heutzutage das Außergewöhnliche und naturwissenschaftlich Unerklärliche im Vordergrund. So definiert die Dudenredaktion, dass „Wunder“ ein „außergewöhnliches, den Naturgesetzen oder aller Erfahrung widersprechendes und deshalb der unmittelbaren Einwirkung einer göttlichen Macht oder übernatürlichen Kräften zugeschriebenes Geschehen, Ereignis, das Staunen erregt” oder „etwas, was in seiner Art, durch sein Maß an Vollkommenheit das Gewohnte, Übliche so weit übertrifft, dass es große Bewunderung, großes Staunen erregt“1), bezeichnet.

Reicht es aber schon, das Außergewöhnliche eines Ereignisses zu betonen, um von einem Wunder zu sprechen? Wird das Wunder nicht als Scharlatanerie erscheinen, wenn die Außergewöhnlichkeit eines Tages durch neue Erkenntnisse erklärbar wird? Kippt dann mit dem Wunderglauben nicht auch das Vertrauen in die Wirkmacht Gottes an sich? Es ist der Ambivalenz dessen, was die Menschen „Wunder“ nennen, eigen, dass „Wunder“ nicht nur nichts beweisen; ein naiver Wunderglaube ist letztlich auch auf Sand gebaut. Es wundert daher nicht, dass bereits im Neuen Testament ein blinder Wunderglaube skeptisch betrachtet wird.

Der Rationalismus der frühen Christen

Die neutestamentliche Wunderskepsis wird an einem bemerkenswerten Schrifttext deutlich. In der Offenbarung des Johannes wird im 13. Kapitel in geradezu satirischer Weise der Kaiserkult in dem Bild von den zwei Tieren2) hinterfragt. Nachdem das erste Tier aus dem Meer gestiegen war und in seiner machtvollen Erscheinung mit drastischen Worten beschrieben wurde, heißt es dort:

Und die ganze Erde sah dem Tier staunend nach. Offenbarung 13,3b

Die Einheitsübersetzung gibt hier mit „staunend nachsehen“ das griechische ἐθαυμάσθη (gesprochen: ethaumásthe) wieder. Θαῦμα (gesprochen: thaûma) bezeichnet im Altgriechischen neben dem Wort τέρας (gesprochen: téras) ein Geschehen, das sich vor allem durch Außergewöhnlichkeit und Unerklärbarkeit auszeichnet, mithin also ein „Wunder“ im allgemein üblichen Sprachgebrauch ist. Das Auftreten des Tieres wird von der ganzen Erde als im wahrsten Sinn „wunderbar“ erfahren.

Die Wunderhaftigkeit der tierischen Erscheinung wird durch das Handeln des zweiten Tieres verstärkt:

Und ich sah: Ein anderes Tier stieg aus der Erde herauf. Es hatte zwei Hörner wie ein Lamm und redete wie ein Drache. Die ganze Macht des ersten Tieres übte es vor dessen Augen aus. Es brachte die Erde und ihre Bewohner dazu, das erste Tier anzubeten, dessen tödliche Wunde geheilt war. Es tat große Zeichen; sogar Feuer ließ es vor den Augen der Menschen vom Himmel auf die Erde fallen. Es verwirrte die Bewohner der Erde durch die Zeichen, die vor den Augen des Tieres zu tun ihm gegeben war. Offenbarung 13,11-14a

Hier ist schon nicht mehr von θαῦματα3) (gesprochen: thaûmata) die Rede, sondern von σημεῖα4) (gesprochen: semeîa), also Zeichen, die das zweite Tier im Auftrag des ersten tat. Der weitere Verlauf des Textes entlarvt die σημεῖα dabei als trügerisch:

Es [das zweite Tier] befahl den Bewohnern der Erde, ein Standbild zu errichten zu Ehren des Tieres, das die Schwertwunde trug und doch wieder zum Leben kam. 15 Es wurde ihm Macht gegeben, dem Standbild des Tieres Lebensgeist zu verleihen, sodass es auch sprechen konnte und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Standbild des Tieres nicht anbeteten. Offenbarung 13,14b-15

Das Standbild hat keine wunderbaren Kräfte aus sich heraus. Das zweite Tier ist es, das ihm Lebensgeist verleiht. Johannes denkt hier wohl an Manipulationen, die dem Standbild scheinbar außergewöhnliche, eben „wunderbare“ Fähigkeiten verleihen5). Ziel dieser „Wunder“ ist es laut Johannes, die Menschen zu verwirren bzw. zu verführen (πλανᾶν – gesprochen: planân).

Der Seher Johannes entlarvt auf diese Weise das vorgebliche Wunder als Scharlatanerie. Er erkennt die manipulativen, menschengemachten Mechanismen vorgeblicher Wundererscheinungen, die das Ziel haben, Leichtgläubige zu verführen.

Und die Wunder Jesu? - eine neue Perspektive

Obschon also bereits den frühen Christen die Ambivalenz der Wunder bewusst war, berichten die Evangelien von zahlreichen Machterweisen Jesu. Dabei ist es bemerkenswert, dass die Evangelisten die gängigen griechischen Termini für „Wunder“ im Sinne supranaturalistischer Ereignisse (θαῦμα bzw. τέρας) vermeiden. Wenn sie die Taten Jesu in Worte fassen, verwenden die Synoptiker den Begriff δύναμις (gesprochen: dynamis – der Bedeutung: machtvolle Tat), während der Evangelist Johannes von σημεῖον (gesprochen: semeîon – in der Bedeutung: Zeichen) spricht. Die Evangelisten vermeiden damit von vorneherein ein Verständnis der Taten Jesu, das an der Außergewöhnlichkeit der Ereignisse orientiert ist. Allein von hier erscheint es fraglich, ob die „Wunder“ Jesu primär Ausdruck seiner göttlichen Vollmachten sind. Steht dieser Aspekt im Vordergrund, bleibt die Aporie, die durch die Außergewöhnlichkeit und natürliche Unerklärbarkeit der Geschehnisse entsteht, bestehen. Entweder werden diese Taten als historische Fakten aufgefasst, dann öffnet sie einer auf Wunderkritik basierten Religionskritik Tür und Tor; oder man muss die Wundertaten Jesu enthistorisieren und in das Reich kerygmatischer Zeugnisse verweisen, die in stringenter Überzeichnung die christologische Dimension betonen wollen6). Letztlich bleibt so oder so die Frage, welchem Ziel die Wundererzählungen dienen. Im einen Fall beweisen sie nichts, im anderen Fall sollen sie gar nicht geschehen sein. Cui bono?

Nun findet sich in den Evangelien freilich ein Wort, das allgemein von der Exegese als ureigenste Stimme Jesu (ipsissima vox) aufgefasst wird, wenn Jesus auf die Forderung eines himmlischen Zeichens fast schon resigniert antwortet:

Was fordert diese Generation ein Zeichen? Amen, ich sage euch: Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden. Markus 8,12parr

Die Szene findet sich im Markusevangelium im unmittelbaren Anschluss an die Erzählung von der Speisung der Viertausend (Markus 8,1-9). Nicht nur der redaktionelle Zusammenhang, auch die Frage an sich lässt darauf schließen, dass es außergewöhnliche Taten Jesu gab. Die Frage ist nur, ob die außergewöhnliche Tat Jesu auch nur außergewöhnlich erklärbar war und ist.

Die Speisung der Vier- oder Fünftausend als wunderbares Paradigma

Es lohnt sich immer wieder, die biblischen Texte genau zu lesen. Oft ist vor allem das, was nicht erzählt wird, von dem aber die Leserin und der Hörer annimmt, es sei doch erzählt worden, das eigentlich Bedeutsame. Mit der Schaffung bewusster Leerstellen im Text wenden gerade die Evangelien das in der jüdischen Erzählweise beliebte Stilmittel der Lakonie7) an. Die Erzählungen von der Speisung der Viertausend (Markus 8,1-10par) bzw. der Fünftausend (Markus 6,32-44parr; Joh 6,1-13) spielen mit genau diesem Stilmittel.

Zuerst ist festzustellen, dass allein schon die quantitative Bezeugung des Geschehens (von einer Massenspeisung berichten die Evangelien sechs Mal – es muss sich also um ein für die frühe Kirche prägendes Ereignis gehandelt haben) dafür spricht, dass im Hintergrund der Narrative ein historisches Ereignis die Basis des Erzählten bildet. Ob es sich dabei tatsächlich um eine schier unglaublich große Zahl von Menschen gehandelt hat, die durch die Tat Jesu satt wurden, spielt dabei nicht die primäre Rolle. Auch sonst ist in den Evangelien zu beobachten, dass die Übersteigerung der rhetorischen Betonung des Erzählten gilt. So stellt der Exeget Julius Wellhausen bereits 1909 fest:

„Das Wunder verschwindet mit den Zahlen, die in der mündlichen Überlieferung regelmäßig entarten.“8)

Die rhetorische Übersteigerung dient dazu, dass die Leser und Hörerinnen begreifen sollen,

„dass hier etwas erzählt wird, das die Normalität durchbricht“9).

Genau das ist der springende Punkt: Die Tat Jesu ist nicht in sich außergewöhnlich – und doch durchbricht sie die Normalität. Denn das, was erzählt wird, ist an einer bestimmten Stelle ungewöhnlich und schafft die Wirkung des Besonderen.

Brotvermehrungskirche_BW_4

So lautet die Erzählung der Speisung der Fünftausend in der markinischen Version folgendermaßen:

Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können! Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen zu essen geben? Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, sie sollten sich in Mahlgemeinschaften im grünen Gras lagern. Und sie ließen sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig nieder. Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. Und alle aßen und wurden satt. Und sie hoben Brocken auf, zwölf Körbe voll, und Reste von den Fischen. Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten. Markus 6,30-43

Auch die parallelen Texte berichten von einer großen Menschenmenge, die sich um Jesus versammelt hat. Sie hatten offenkundig nicht zu essen. Dieser Hinweis ist für den Verlauf der Texte wichtig, denn er suggeriert die Bedürftigkeit der Menschen. Der Weg nach Hause ist weit, der Ort ist einsam oder die Nacht bricht bald herein – die Texte betonen immer die Unmöglichkeit, sich noch Nahrung zu verschaffen. Es gibt also nur den Ausweg: den eigenen Proviant unter die Menschen zu bringen – im Fall der Erzählung von Markus 6,30,43parr sind es fünf Brote und ein paar Fische, bei Markus. 8,1-10par sieben Brote und zwei Fische. Über sie spricht Jesus das Dankgebet und lässt die Brote und die Fische an die Menschen verteilen. Schließlich werden alle satt werden; außerdem wird überreichlich übrigbleiben, so dass auch für die Jünger Jesu noch genügend Nahrung bereitsteht.

Soweit der bekannte Teil der Erzählung. Er suggeriert, dass tatsächlich einige Brote und ein paar Fische den Hunger Tausender gestillt haben. Die Texte erzählen aber noch mehr. Sie beschreiben nämlich ein Verfahren, das Jesus vor der Verteilung einführt. Die Leute sollen sich auf den Boden setzen (vgl. Markus 8,6), ins grüne Gras (vgl. Markus 6,39) und dort Gruppen bilden (vgl. Markus 6,39).

Das ist der entscheidende Hinweis. Hier verlässt Jesus den Rahmen des Üblichen. Das Dankgebet zu sprechen und gastfreundlich zu sein, ist normal. Die Methode, die Jesus hier einführt, ist unüblich. Er gibt einer unüberschaubaren Masse eine Struktur. Aus der gesichtslosen Menge entstehen kleine Gruppen, in denen das Gegenüber ein Antlitz hat. Niemand teilt sein Brot mit gesichtslosen Fremden. Mit dem Gegenüber, das einen anblickt, gibt es zum Teilen hingegen kaum eine Alternative – schon gar nicht, wenn der, um dessentwillen man gekommen ist, mit gutem Beispiel vorangeht und alles gibt, was er hat.

An dieser Stelle hält der Text einen weiteren Hinweis bereit:

Und alle aßen und wurden satt. Markus 6,42parr

bzw.

Die Leute aßen und wurden satt. Markus 8,8par

Lakonisch heißt es: καὶ ἔφαγον – und sie aßen. Es fehlt das Wörtchen ἀπό. Die Phantasie suggeriert, dass alle von den Broten Jesu gegessen haben – allein der Text sagt davon nichts. Er sagt nur, dass alle aßen10). Es ist die zu kleinen Gemeinschaften geronnene Masse, die das Sattwerden ermöglicht hat. Die Anonymität der Masse verhindert noch jene Solidarität, die in der Nachbarschaft der kleinen Gruppe unausweichlich wird. Das Beispiel Jesu, der seine Jünger anweist, alles zu geben, was sie haben, und die im Dankgebet sichtbare Demonstration der Nichtzurückhaltung, macht Schule und wird nachgeahmt. So ist es wirklich kein Wunder, dass von dem Mitgebrachten und Geteilten aller noch überreichlich übrigbleibt. Nicht die Vermehrung ist wunderbar, sondern das Entstehen von Solidargemeinschaften ehemals Fremder, die das, was jeder hat, miteinander teilen, weil Fremde zu Nachbarn werden, die angesehen Ansehen erhalten.

Sieh an, sieh an!

Das ist der vielleicht entscheidendste Aspekt, der die sogenannten Wundergeschichten Jesu prägt. Sie erzählen letztlich davon, wie Menschen Ansehen wiedererlangen, indem Jesus sie ansieht oder Angesehenwerden ermöglicht. Es sind dabei durchaus Handlungen, die den Rahmen des Normalen sprengen und insofern auch außergewöhnlich sind. Jenseits des berichtet Wunderbaren, das je nach Erkenntnisstand den Rang des Außergewöhnlichen verlieren kann, bleibt das den Rahmen der Normalität Sprengende erhalten. Erstaunlich ist, wie häufig dabei die (Wieder‑)Herstellung von zwischenmenschlicher Gemeinschaft als Ziel des machtvollen Wirkens Jesu erscheint.
Neben der Erzählung von der Speisung der Vier- bzw. Fünftausend gehört die Heilung des Blindgeborenen zu den Berichten, die alleine schon aufgrund ihrer quantitativen Bezeugung auf einem historischen Kern beruhen dürften. Sie findet sich in den Evangelien insgesamt fünf Mal (Markus 10,46-52; Mattähus 9,27-31; 20,29-34; Lukas 18,35-43 und mit eigener Dramaturgie Johannes 9). Besonders eindrücklich ist die Erzählung in Matthäus 20,29-34. Der Text eröffnet mit einem „lauten“ Hinweis:

Als sie [Jesus und seine Jünger] Jericho verließen, folgte ihm eine große Zahl von Menschen. Matthäus 20,29

Es ist die große Zahl von Menschen, die die laute, ja gerade lärmend-quirlige Szenerie mit wenigen Worten in den Leserinnen und Hörern intendiert.

Der Text schafft sofort einen scharfen Kontrast. Er schildert im Matthäus 20,30 wie am Weg zwei Blinde sitzen. Sie sitzen vor den Toren der Stadt, am Rand des Weges, auf dem Boden. Das einleitende καὶ ἰδού (gesprochen: kaì idoú – „und siehe“) verstärkt diesen Kontrast noch: Hier die lärmende Menge, die Jesus umringt, dort zwei Menschen am Boden ihrer Existenz.

Die beiden Bettler verschaffen sich freilich lautstark Gehör (vgl. Matthäus 20,31). Sie haben nichts mehr zu verlieren. Sie lassen sich nicht zum Schweigen bringen. Ihr Ruf wird erhört. Jesus bleibt stehen – und ruft die beiden zu sich (vgl. Matthäus 20,32).

Diese Reaktion ist bemerkenswert. Wäre es nicht normal gewesen, wenn der Heiland sich zu den beiden herabgelassen hätte? Er aber aktiviert die Eigenkräfte der Blinden. Er bringt sie auf seine Augenhöhe. Ohne die Mitarbeit der Betroffenen kann auch Jesus keine Wunder wirken. So aber sieht er sie an. Er handelt nicht einfach an ihnen. Erst folgt die Frage, was er ihnen tun soll, dann die Antwort, sie möchten wieder sehen können (vgl. Matthäus 20,32-34). Erst sah er sie an, dann verleiht er ihnen Ansehen, das darin seine Erfüllung findet, dass sie, die eben noch Bodensatz der Gesellschaft waren, nun in der Gemeinschaft mit Jesus stehen.

Wunderbare Normalität

Es ist nicht immer die Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu, die Ziel der Taten Jesu ist. Ob es sich bei der Heilung des Besessenen von Gerasa (vgl. Markus 5,1-20parr) um eine Erzählung mit einem wahren Kern oder um eine komponierte Lehrerzählung mit satirischem Einschlag11) handelt – das Handeln Jesu übersteigt auch hier die Normalität um Normalität wiederherzustellen. Ein Mann, offenkundig von Wahnsinn getrieben, lebt außerhalb der menschlichen Gesellschaft. Möglicherweise – darauf deutet die Benennung des Dämons als „Legion“ hin – handelt es sich um einen Kollaborateur, also einen, der selbst familiäre Bande dem eigenen Vorteil geopfert und mit den Besatzern kooperiert hat. Der Preis ist der Verlust menschlicher Bindungen. Er ist für die Seinen gestorben und lebt nun bei den Grabhöhlen.

Jesus geht dorthin, wo niemand hingeht. Er überwindet die Trennung und eröffnet neue Perspektiven. Er stellt Gemeinschaft wieder her. So geheilt, bittet der Mann ihn, bei ihm bleiben zu dürfen (vgl. Markus 5,18parr). Jesus aber antwortet:

Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat. Markus 5,19

Für den ehemals an sich selbst wahnsinnig Gewordenen wäre die Gemeinschaft mit Jesus eine Flucht vor seiner eigentlichen Lebensherausforderung gewesen: Der Versöhnung mit denen, die er im Stich gelassen hat. Wäre er bei Jesus geblieben, hätte er sie zum zweiten Mal im Stich gelassen. Es ist das Wunder der Normalität, das Jesus bewirkt.

Tatkraft geht vor Stoßgebet

Die sogenannten „Wunder“-Erzählungen der Bibel sind vielfältig. Unabhängig von der Frage der Historizität, die sich nicht allgemein, sondern nur von Fall zu Fall beantworten lässt, geht es aber immer um die Schaffung von „Normalität“ – bisweilen mit unorthodoxen Mitteln. Normalität ist die Basis des Alltags, der sich gerade durch die Abwesenheit des Außergewöhnlichen auszeichnet. Die „Wunder“ Jesu zeigen, dass sich gerade im Alltag das Wirken Gottes ereignet. Bisweilen genügt es, dem Beispiel Jesu zu folgen – wie bei der Tochter des Jaïrus. Während die Anwesenden ihren vermeintlichen Tod beweinen, schaut er genau hin und antwortet:

Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. Markus 5,39

Ob das schon ein Wunder ist?

Wunder mögen ein Opium für Zweifler aller Couleur sein. Den Herausforderungen des Lebens ins Auge zu sehen, ist jedenfalls die Haltung, die den erwachsenen, mündigen Menschen auszeichnet. Die „Wunder“-Erzählungen des Neuen Testamentes lehren nicht, naiv auf die Hilfe Gottes zu vertrauen. Sie erzählen vom Aufbieten letzter Kräfte in existentieller Not und davon, dass es jemanden braucht, der aufrichtige Hilfe leistet, damit Ansehen möglich wird. Besser als von „Wundern“ spräche man daher von den „Taten“ Jesu – oder eben, wie es die Evangelisten tun, von Machterweisen oder Zeichen. Es ist gut, dass die neue Einheitsübersetzung dem Sprachgebrauch der Evangelisten hier folgt. Freilich zeigt die Tatsache, dass manche Begebenheit zwei- und mehrmals in den Evangelien berichtet wird, dass auch die Jünger Jesu ihre Zeit benötigen, um wirklich zu verstehen, dass es nun an ihnen ist, nicht blind auf das Außergewöhnliche zu vertrauen, sondern aufrichtig zu sein und auf die eigene Wirkmächtigkeit zu vertrauen. So heißt es am Ende der markinischen Perikope, die von dem Gang Jesu auf dem Wasser berichtet:

Doch er begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Dann stieg er zu ihnen ins Boot und der Wind legte sich. Sie aber waren bestürzt und fassungslos. Denn sie waren nicht zur Einsicht gekommen, als das mit den Broten geschah; ihr Herz war verstockt. Markus 6,50-52

Auch hier geht es also um viel mehr, als um einen auf dem See wandelnden Jesus. Die Jünger hätten ihr Problem selbst lösen können, wenn sie nur alles gegeben und zusammengearbeitet hätten – wie bei der „Brotvermehrung“. Wer nur auf ein Wunder hofft, droht hingegen schnell unterzugehen. Offenkundig aber traut Jesus den Seinen zu, ihre alltäglichen Aufgaben alleine zu lösen. In diesem Sinne geht Tatkraft vor Stoßgebet. Diese intellektuelle und lebenspraktische Herausforderung gilt alle Tage neu – auch heute noch. Es wird Zeit, dass des Glaubens liebstes Kind erwachsen wird!

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Bildnachweis

Titelbild: Tonfigur (pruzi) – Quelle: pixabay – lizenziert als CCO.

Bild 1: Brotvermehrungskirche in Tabgha (Berthold Werner) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Duden online, http://www.duden.de/rechtschreibung/Wunder [Stand: 17. Oktober 2017].
2. Zur Interpretation der beiden Tiere siehe: Stefan Schreiber, Attraktivität und Widerspruch. Die Dämonisierung der römischen Kultur als narrative Strategie in der Offenbarung des Johannes, in: Thomas Schmeller u.a. (Hrsg.), Die Offenbarung des Johannes. Kommunikation im Konflikt, QD 253, Freiburg i. Br. 2013, S. 74-106, hier: S. 91ff.
3. θαῦματα ist der Plural von θαῦμα.
4. Σημεῖα ist der Plural von σημεῖον (gesprochen: semeîon).
5. Vgl. hierzu Stefan Schreiber, Attraktivität und Widerspruch. Die Dämonisierung der römischen Kultur als narrative Strategie in der Offenbarung des Johannes, in: Thomas Schmeller u.a. (Hrsg.), Die Offenbarung des Johannes. Kommunikation im Konflikt, QD 253, Freiburg i. Br. 2013, S. 74-106, hier: S. 93, Anm. 68 sowie Hubert Ritt, Offenbarung des Johannes, NEchtB NT 21, Würzburg 2010, S. 72, der hier „raffinierte Zauberpraktiken“ vermutet.
6. So stellt etwa Bernd Kollmann fest: „Die heute dominierende mythische und religionsgeschichtlich-kerygmatische Deutung betrachtet die Wundererzählungen nicht als Tatsachenberichte, sondern als Glaubenszeugnisse, die auf ihre christologische Zielsetzung hin befragt werden wollen.“ (Bernd Kollmann, Neutestamentliche Wundergeschichten, Stuttgart 2011, S. 19)
7. Vgl. zur Lakonie: Werner Kleine, Die Kunst der Auslassung. Das Stilmittel der Lakonie in der Gleichnisverkündigung Jesu, in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln, Osnabrück, 2008 (60. Jg.), S. 259-264.
8. Julius Wellhausen, Das Evangelium Marci, Berlin 1909, S. 50.
9. Ruben Zimmermann, Frühchristliche Wundererzählungen – eine Hinführung, in: ders. (Hrsg.), Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen, Band 1: Die Wunder Jesu, Gütersloh 2013, S. 5-67, hier: S. 13.
10. In anderen Erzählsträngen wird zwar davon berichtet, dass die Menschen „die Brote“ aßen (τοὺς ἄρτους). Aber auch hier fehlt das Wörtchen ἀπό, das eine eindeutige Identifizierung mit den Broten Jesu bedeutet hätte. Allerdings ist auch hier textkritisch umstritten, ob der Urtext die Worte τοὺς ἄρτους überhaupt enthalten hat. Qualitativ wertvolle Textzeugen, wie etwa der ca. auf 200 n. Chr. datierte Papyrus 46 bezeugen die Worte ebenso wenig wie der Codex Sinaiticus. Außerdem spricht die textkritische Regel der lectio brevior für das Fehlen der Worte τοὺς ἄρτους.
11. Die übergroße Schweinherde, die nicht nur an einen Fall von Massentierhandlung erinnert, sondern auch wegen der eigentlich zuerkannten Unreinheit der Tiere ungewöhnlich erscheint, und die Benennung des Dämons als „Legion“ können durchaus als Verballhornung der römischen Besatzer aufgefasst werden. Es ist bekannt, dass das Wappentier der Legion X, der sogenannten „fretensichen Legion“, die im Jahr 70 n.Chr. Jerusalem zerstörte, war ein Eber. Es spricht viel dafür, dass Matthäus genau hierauf anspielt.
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