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Res publica

Heimatfront am Abgrund Eine neutestamentliche Erwiderung an die AfD, Pegida und die anderen selbsternannten Verteidiger des Abendlandes


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Abgrundtief muss die Angst bei denen sein, die auf die Idee kommen, auch im äußersten Fall auf Kinder zu schießen. So kam etwa Frauke Petry, die Vorsitzende der AfD, in einem im „Mannheimer Morgen“ vom 30. Januar 2016 veröffentlichten Interview in Ermangelung echter Lösungsansätze zur Bewältigung der durch die Fluchtbewegungen gestellten Herausforderungen ihrem Ruf nach einer Schließung der Grenzen trotz mehrfacher Nachfrage zu der ultimativen Aussage:

“Er [der Grenzpolizist, WK] muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen.”1)

Dabei berief sie sich auf ein vermeintliches Gesetz und distanzierte sich von dem Begriff „Schießbefehl“. Nur einen Tag später verschärft die stellvertretende Vorsitzende der AfD, Beatrix von Storch, diese Aussage allerdings in ihrem Facebook-Account. Dort beantwortete sie die Frage eine Kommentators, ob man auch Frauen und Kindern an der grünen Wiese2) den Zugriff mit Waffengewalt verwehren wollte, mit einem knappen „Ja“3). Wie Frauke Petry spricht auch sie von einer ultima ratio, also einem allerletzten Mittel. Beide suggerieren gleichwohl, dass es sich dabei um eine gesetzeskonforme Forderung handele. Dagegen betont der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, dass diese Aussagen „weder der Wahrheit noch der Gesetzeslage“4) entsprechen. Weiter führt Jörg Radek aus:

“Wer ein solches radikales Vorgehen vorschlägt, will offenbar den Rechtsstaat aushebeln und die Polizei instrumentalisieren. So etwas hatten wir schon einmal in der deutschen Geschichte, und das wollen wir nie wieder.”5)

Diese verdammte Heimat

Die Abgründe, die sich hinter diesen grausam verqueren Gedanken auftun, stammen nicht zuletzt aus einem verquasten Heimatbegriff. Heimat wird als Besitz verstanden, den es gegen die Inbesitznahme durch Andere zu verteidigen gilt. Was unter „Andere“ zu verstehen ist, wird dabei meist nicht näher definiert. Es sind auf jeden Fall die „Fremden“. Alles, was anders ist, als man selbst, ist fremd. Heimat wird so zum Inbegriff des Eigenen. Heimlich muss es sein, während alles andere unheimlich ist. Was unheimlich ist, weckt Urängste. Diese Verquickung von Urangst um den Verlust der gewohnten Heimat, so wie sie jetzt ist, ist die Ursache für die abgrundtief menschenverachtenden Aussagen. Man reklamiert eine Verteidigung des Abendlandes, ohne sich auf die Wurzeln des Abendlandes zu besinnen. Man trägt Kreuze neben Galgen durch die Straßen, und vergisst dabei, dass der, der am Holze hängend starb, von den Christen als fleischgewordenes Wort Gottes verehrt wird. Wo aber diese Wurzeln weggefault sind, tut sich eben nur ein abgrundtiefes Loch heillosen Nichtwissens auf. Hätten die selbsternannten Verteidiger des Abendlandes als Alternative zur Bewältigung ihrer Identitätsängste einmal in das Wort Gottes selbst geschaut, sie hätten erstaunt zur Kenntnis nehmen müssen, wie relativ der Begriff „Heimat“ dort dargestellt wird. So stellt Paulus im Philipperbrief lapidar fest:

Denn viele – von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche – leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn. Heimat aber ist im Himmel. Philipper 3,18-20

Baum-am-Abgrund
Wie lange noch können die Wurzeln vor dem Sturz in den Abgrund schützen?

Heimat ist Sein, kein Haben

Paulus verwendet hier den Begriff πολίτευμα (gesprochen: políteuma), der in der Einheitsübersetzung mit „Heimat“ wiedergegeben wird, wortwörtlich aber von dem Begriff πολιτεία (gesprochen: politeía – Bügerrecht) abgeleitet ist. Πολίτευμα bezeichnet daher mehr das Gemeinwesen als solches, in dem ein Mensch wirkt. Auf den deutschen Begriff „Heimat“ übertragen bedeutet das, dass es sich dabei um keinen Besitzstand handelt, sondern um das Gemeinwesen, in dem ein Mensch seine Identität ausbildet. Für Paulus ist klar: diejenigen, die Christus nachfolgen, wissen, dass alles Irdische vergänglich und vorläufig ist (vgl. auch 2 Korinther 4,18); das Himmlische hingegen ist ewig. Wer sich nur auf den irdischen Besitz beschränkt, ist ein Feind des Kreuzes Christi – daran ändert sich auch nichts, wenn man es hell erleuchtet durch die Straßen wie einen Fetisch zur Verteidigung gegen den Islam durch die Straßen trägt. Der wahrhaft Glaubende hingegen richtet seine Identität an dem aus, der vom Kreuzestod auferstanden im Himmel ist. Nicht umsonst verwendet Paulus daher auch das zu dem neutestamentlichen Hapaxlegomenon πολίτευμα zugehörende Verb πολιτεύειν (gesprochen: politeúein), um die Philipper bereits am Briefanfang an das für die christliche Identität wesentliche Kriterium zu erinnern:

Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht. Ob ich komme und euch sehe oder ob ich fern bin, ich möchte hören, dass ihr in dem einen Geist feststeht, einmütig für den Glauben an das Evangelium kämpft und euch in keinem Fall von euren Gegnern einschüchtern lasst. Philipper 1,27-28

Der in Philipper 1,27 angesprochene Lebenswandel wird von Paulus mit dem Verb πολιτεύειν beschrieben. Heimat – das ist die Art des Lebenswandels. Es ist kein Haben, sondern ein Sein.

Tunnelblick

Für Paulus ist klar, dass der Lebenswandel darüber entscheidet, ob man für oder gegen Christus ist. Wer auch immer das Abendland und seine christlich-jüdische Tradition verteidigt, muss sich daran messen lassen. Und da steht man schneller am Abgrund seiner Existenz, als man denkt. Von einer solchen abgrundtiefen Heimaterfahrung berichtet Lukas zu Beginn seines Evangeliums. Der lukanische Jesus kehrt nach seiner Taufe im Jordan (vgl. Lukas 3,21-22) und seinem identitätsklärenden Aufenthalt in der Wüste (vgl. Lukas 4,1-12) zurück nach Galiläa, wo er in den Synagogen lehrt (vgl. Lukas 4,15). Schließlich kehrt er in seinen Heimatort Nazareth zurück,

wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Lukas 4,16-20

Die von Jesus in der Synagoge vorgetragene Textstelle entstammt dem Buch des Propheten Jesaja 61,1-2. Mit diesen Versen wird dort die Botschaft des verheißenen Messias, des Gesalbten JHWHs eingeleitet. Die Zitation bei Lukas darf man wohl als Schriftecho verstehen. Im Anstimmen des Zitates kommt die gesamte Phrase Jesaja 61,1-11 zum Klingen, die mit den Worten schließt:

Denn wie die Erde die Saat wachsen lässt und der Garten die Pflanzen hervorbringt, so bringt Gott, der Herr, Gerechtigkeit hervor und Ruhm unter allen Völkern. Jesaja 61,11

Genau die Weitung der Perspektive auf die Völker konterkariert Lukas mit der Bemerkung, die Augen aller seien nach dem Schließen des Buches auf Jesus gerichtet (vgl. Lukas 4,20). Der Blick ist gerade nicht geweitet. Er ist heimatfixiert, fokussiert auf den engen Horizont des eigenen Ortes, mehr noch: getunnelt auf diesen Jesus, der von zu Hause in die Ferne zog, in die Wüste gar, und dem nun zurückkommend schon ein gewisser Ruf vorausgeeilt ist. Die Fokussierung der Augen schafft eine textliche Spannung, die einer Reaktion Jesu harrt.

Heimatkunde

Und die Reaktion Jesu kommt:

Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs? Lukas 4,21-22

Ein einfacher Satz genügt, um Beifall zu erregen. Das Staunen über die rhetorische Begabung Jesu passt auf den ersten Blick nicht so recht zu der knappen Auslegung Jesu. Sie erklärt sich aber, wenn man die Bemerkung aus Lukas 4,14 mit einbezieht. Dort hieß es:

Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Lukas 4,14

Die Kunde (griechisch: φήμη/gesprochen: féme) verbreitete sich rasch. Solche sich rasch verbreitende Kunde zeugt aber von der Außergewöhnlichkeit dessen, von dem berichtet wird. Jesus war wohl eine lokale Berühmtheit geworden. Einer der ihren, aus dem Kaff Nazareth hatte es geschafft. Mit ihm war dieses Dorf aus dem galiläischen Bergland selbst in den Fokus geraten, ihre Heimat hatte diesen Mann hervorgebracht. Daraus musste sich doch etwas machen lassen.

Jesus ahnt diese verborgenen Gedankengänge der Bewahrer wahrer Heimat:

Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Lukas 4,23-27

Die lange Rede gegen die Heimat konterkariert die bisher eher knapp gehaltenen Einlassungen Jesu. Auf diese Weise wird deutlich, dass der textliche Fokus genau hierauf gelegt wird. Heimat ist hier eng fokussiert auf die Vaterstadt (Lukas verwendet in V. 23 die Wendung τῇ πατρίδι σου/gesprochen: tê patrídi sou – wörtlich: dem deines Vaters)6). Heimat erscheint als Besitz mit entsprechenden Rechtsansprüchen.

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Heimatfront am Abgrund

Jesus aber wehrt solche mit einer vermeintlichen Heimat verbundene Rechtansprüche ab. Als Beispiel für den universellen Heilswillen Gottes, der jedem heimatlichen Vorrangdenken zuwiderläuft, führt er das Beispiel des Syrers Naaman an. Von ihm wird in 2 Könige 5, dass es sich um einen Feldherrn des Königs von Aram handelte, der von Aussatz betroffen auf den Rat einer israelitischen Sklavin auf Umwegen zum Propheten Elischa kommt. Auf dessen Rat hin wäscht er sich nach anfänglicher Skepsis im Wasser des Jordan und wird geheilt. Die Heilung bewirkt unter anderem, dass sich Naaman schließlich zum Gott Israels bekennt.

Jesus hält also den Verteidigern heimatlicher Ansprüche gerade das Beispiel eines Fremden – noch dazu eines fremden Syrers als Beispiel vor. Das ist zu viel für die Zuhörer; die Stimmung kippt. Aus der Willkommensfreude wird affektiv-hysterische Ablehnung:

Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Lukas 4,28-29

Der Text ist voller intensiver und affektiver Bewegung. Leidenschaftlicher Zorn – dafür steht das griechische Wort θυμός (gesprochen: thymós) in V. 28 – erfasst die Enttäuschten. Er ist der Grund für das Aufspringen und Hinaustreiben Jesu. Gemeinsam gerät man so an den Abgrund der Heimat. Das Ziel ist klar: Jesus soll den Abgrund hinabgestürzt werden. Der so Bedrängte aber reagiert unerwartet:

Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. Lukas 4,30

Weiterziehen

Die von Lukas geschilderte Reaktion Jesu zeugt von großer Souveränität. Der Lynchmob kann ihm nichts anhaben. Er schreitet sogar mitten durch den Mob hindurch (διὰ μέσου – gesprochen: dià mésou). Schließlich geht er weg (ἐπορεύετο – gesprochen: eporeúeto). Das aoristische Tempus7) deutet an, dass es ein einmaliges Weggehen ist. An eine Rückkehr ist wohl nicht gedacht. Jesus verlässt seine Heimat. Er hat hier nichts zu suchen, wo man den Blick auf das vermeintlich Eigene verengt und jedem Ansatz zur Blickweitung mit unverhohlenem Hass begegnet.

Mit solchen Leuten, die Andersdenkende vom Abgrund stürzen möchten oder die die Namen derer, die die Herausforderungen der Zeit annehmen möchten, an hölzerne Galgen schreiben oder die fordern, als ultima ratio mit Waffen auf Kinder zu schießen, kann man nicht wirklich reden. Solche Menschen offenbaren Abgründe der Irrationalität, in denen jedes rationale Argument folgenlos verhallt. Die Heimat dieser Leute muss ein dunkles Land sein, in dem Glück und Friede nicht gedeihen können. Soll die Heimatfront sich ängstlich in den Abgründen selbstgegrabener Verteidigungsgräben wegducken – wer dem Beispiel Jesu folgt, zieht unaufgeregt weiter und stellt sich aufrecht und gelassen den Herausforderungen des Lebens.

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Bildnachweis

Titelbild: Wanderer am Abgrund I (Jörg Simon) – Quelle: flickr – lizenziert als CC BY-NC-SA

Bild 1: Am Rande des Abgrunds (onnola) – Quelle: flickr – lizenziert als CC BY-SA

Bild2: Elischa weist die Geschenke Naamans zurück (Pieter de Grebber) – Quelle: Wikimedia Commons – lizenziert als gemeinfrei

Einzelnachweis   [ + ]

1. Quelle: http://www.morgenweb.de/nachrichten/politik/sie-konnen-es-nicht-lassen-1.2620328 [Stand: 31. Januar 2016].
2. So wörtlich. Gemeint war wahrscheinlich die „grüne Grenze“.
3. Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-beatrix-von-storch-schliesst-waffeneinsatz-gegen-kinder-nicht-aus-a-1074933.html [Stand: 31. Januar 2016].
4. Zitiert nach: http://www.welt.de/politik/deutschland/article151662807/Petrys-Vorschlag-erinnert-an-den-Schiessbefehl-der-DDR.html [Stand: 31. Januar 2016].
5. Ebd.
6. Bemerkenswert ist die Parallele zu lukanischen Erzählung vom 12jährigen Jesus im Tempel (Lukas 2,41-52). Dort sagt der junge Jesus nach seiner Auffindung im Tempel: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist (ἐν τοῖς τοῦ πατρός μου – gesprochen: en toîs toû patrós mou)?“ Bereits hier deutet sich – ähnlich wie bei Paulus – eine Perspektivverschiebung an: Heimat, als Wurzelort der Identität, ist nichts Irdisches, sondern auf Gott ausgerichtet.
7. Vgl. hierzu F. Blass/A. Debrunner, Grammatik des neutestamentlichen Griechisch, Göttingen 1990, §318,1.
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2 Replies

  1. Lieber Herr Doktor Kleine,
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