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Disput·Ecclesiastica

Grüße aus Banalistan Ein Einspruch gegen den Jargon der Betroffenheit


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Kein neuer Geist weht durch die leerer werdenden Hallen. Leerer werdend werden sie aber nicht still. Der Wiederhall der Klage über die Verdunstung des Glaubens, den Mangel wahlweise an Priestern oder Glaubenden erfüllt die alten Gemäuer ebenso wie die stete Wiederholung schöner, aber leerer Wortformeln einer schmalzig-weichen Frommrede, die niemanden aufscheucht und keinem weh tut. Schön ist sie, anästhesierend zugleich. Untermalt vom Schall der Klangschalen und den weichen, dissonanzfreien Akkorden manch modernen Liedes kann man sich wohlig einrichten, fern den Fragen, die die Welt stellt – und abschalten von den Kreuzen und Leiden, die das Leben parat hält. Zeit, Kraft zu schöpfen, nennen es manche; die Mehrheit der Menschen, denen, ohne sie zu fragen, ein permanentes Suchen unterstellt wird, scheint das anders zu sehen, denn sie kommt nicht zu diesen selbst ernannten Quellen des Lebens.

Muss die Kirche flügge werden?

Erik Flügge, der sich auf seiner Homepage offenherzig als „politischer Stratege mit eigenem Unternehmen“1) bezeichnet, beschreibt in seinem Buch „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“2) in zahlreichen Beispielen einen qualitativen Verfall in der Verkündigungspraxis der Kirchen, der seiner Ansicht nach seine Ursache darin hat, dass die Kirche sprachlich in den Achtzigern hängengeblieben ist3). Und der Beispiele gibt es genug – von der klangschalenschlagenden Pastoralreferentin4) über die merkwürdig blutleeren Worte zur Sonntag in der ARD5) bis hin zu der skurrilen Szene, in der angeblich ein Theologieprofessor den Jungstudenten der Theologie, der das Studium dann nie beenden wird, hinter eine Säule zerrt, um ihn dort vor der Wiederholung des eigenen Fehlers zu warnen:

„Sie sind klug, bitte hören Sie auf Theologie zu studieren, machen Sie was aus Ihrem Leben. Machen Sie nicht den gleichen Fehler wie ich.“6)

Es ist ein merkwürdiges Buch, das als Sammelsurium von Geschichten ekklesialer Logorrhoe und Sprachunfälle daherkommt, ohne Antworten und Strategien eines Ausweges zu liefern. Dabei verspricht der Klappentext:

„Der Kommunikationsprofi Erik Flügge bricht mit Gewohntem und entwickelt Strategien für eine zeitgemäße Sprache, damit Kirche bei den Menschen ‚ankommt’.“7)

Genau diese Antwort aber bleibt das Buch letztlich schuldig. So ist Arnd Bünker zuzustimmen, der in einem Beitrag für das theologische Feuilleton feinschwarz.net feststellt:

„Die Sachanalyse kirchlicher Kommunikation und Sprache, die Erik Flügge vorlegt, ist pointiert, und im Kern richtig. Die religiöse Kommunikation, die in Kirchen gepflegt wird, ist oft hilflos. Der ‚Kirchensprech’ verliert sich regelmäßig in Banalitäten oder Floskeln. Er will nett sein, ist aber häufig nur belanglos.
Aber: all dies ist längst bekannt – und es wieder einmal ausgesprochen zu haben, erklärt nicht den Erfolg des Buches, das zudem keinerlei neue Perspektiven eröffnet und keine Lösungen des Problems präsentiert, die man nicht auch andernorts längst zu Papier und zur Gehör gebracht hätte.“8)

Theologisches Milchpulver

Es ist merkwürdig, dass viele Verkündigungsprofis beifallklatschend an den Lippen und der Feder Erik Flügges hängen. Freilich hat der Hype um sein Buch ihm eine Reihe von Aufträgen eingebracht. Vom Hackathon des Erzbistums Köln, der vom 20.-22. Oktober 2016 stattgefunden hat, bis hin zu dem Internetvorzeigeprojekt „Valerie und der Priester“9) – Erik Flügge scheint, wie es in einer Twitternachricht zum Hackathon des Erzbistums Köln heißt, der Mann zu sein,

„der nahezu alle Bühnen gleichzeitig bespielen kann“10).

Der Profi für kommunikatives Management versteht sein Handwerk. Er ist ein Verpackungskünstler, ein Christo der Kommunikation. Er weiß sich und seine Auftraggeber zu verkaufen. Ein beredtes Beispiel hält er in seinem Buch über den Jargon der Betroffenheit bereit. Er schildert, wie er einmal vor Jugendseelsorgern eines Dekanates in der schwäbischen Provinz über die Sprache von Kirche spricht. Er selbst schreibt dazu:

„Wie immer, wenn ich bisher über das Thema kirchlicher Sprache sprechen sollte, habe ich auch dieses Mal eine Predigt mitgebracht. Sie beginnt immer leicht ironisch mit Kirchen-Bla-Bla und radikalisiert sich dann zusehends, um das Publikum so sehr zu provozieren, dass man danach etwas hat, worüber man sich unterhalten kann.“11)

Der provinzielle Rahmen scheint die Zuhörer geprägt zu haben. Denn nach der Dokumentation der Predigt, die die aufmerksame Leserin und den aufmerksamen Hörer mehrfach fragen lässt, was für ein theologischer Quatsch da eigentlich verkündet wird, stellt der Autor nonchalant fest:

„Ich habe diese ‚Predigt’ schon oft gehalten. Ich rede mich dabei in Rage, nutze das gesamte Repertoire der rhetorischen Mittel, um mein Publikum zu beeindrucken. Das Ergebnis ist stets ein Sturm der Begeisterung und langer Applaus. Erst langsam wacht dann das Publikum wieder aus der Trance der rhetorischen Übervorteilung auf und beginnt über den Inhalt nachzudenken.“12)

Erst dann würden auch berechtigte Fragen nach der theologischen Substanz seiner Argumentation laut, die bewusst irreführend angelegt ist. Wahrlich: Erik Flügge ist ein Meister der Verführung und der Manipulation. Der Erfolg seines Jargon-Buches zeigt, dass die Leser und Hörerinnen des Werkes sich weiter allzu gerne verführen lassen, anstatt die eigenen, von Erik Flügge nur allzu oft zu Recht hinterfragten Redegewohnheiten zu reflektieren – und vor allem zu ändern.

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Wer sein Publikum erreichen will, muss die Regeln der Rhetorik und der Logik kennen - das gilt auch und gerade für die Verkünderinnen und Verkünder des Wortes Gottes.

Auch flammende Appelle brauchen Argumente, um zu überzeugen

Erik Flügge kommt in der eben erwähnten „Predigt“ zum Schluss auch auf das Pfingstereignis zu sprechen. Er verweist darin darauf, dass

„Flammen auf den Zungen unterschiedlicher Sprecher (brennen). Ihnen wird die Barriere der Fremdsprache genommen, aber keiner der Sprecher wird auf die Worte Gottes verpflichtet. Es sind die Apostel, die aufgefordert sind, selbst von den großen Taten Gottes in der Welt zu sprechen. Mit ihren eigenen Worten über eigenen Glauben – ohne Schnörkel.“13)

In diesen Worten steckt soviel 80er-Jahre-Katechese, dass es fast schon weh tut. Und Erik Flügge weiß, wie gesagt, was er tut. Es lohnt sich daher, die Folgen des Pfingstereignisses einmal genauer anzusehen.

Lukas beschreibt das Pfingstereignis selbst als ein Naturereignis. Es betrifft nicht nur die zurückgezogene kleine, bald christliche Gemeinschaft der Apostel. Das Sturmbrausen vom Himmel her zeigt an, dass hier die Schöpfung selbst durch die Herabkunft des Geistes in Wallung gerät. Er erfüllt das ganze Haus, in dem die Apostel versammelt sind (vgl. Apostelgeschichte 2,2), ist aber auch in der Stadt Jerusalem selbst zu hören:

In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Apostelgeschichte 2,5-6

Die Geistsendung betrifft also nicht nur die Jünger Jesu. Manche scheinen die Jünger Jesu zu verstehen, andere halten das alles für das Gerede Betrunkener. Der Geist teilt sich in der ganzen Stadt mit, aber nicht alle vermögen die Zeichen richtig zu deuten. Für diese Deutung bedarf es der ausdrücklichen, verständlichen, vor allem aber argumentativ fundierten Rede. Der entscheidende Punkt des Pfingstereignisses ist daher nicht das vermeintliche Feuer- und Sturmwunder, sondern die nun folgende Rede des Petrus (vgl. Apostelgeschichte 2,14-36), der die Zeichen deutet:

Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen; sondern jetzt geschieht, was durch den Propheten Joël gesagt worden ist: In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geist ausgießen in jenen Tagen und sie werden Propheten sein. Ich werde Wunder erscheinen lassen droben am Himmel und Zeichen unten auf der Erde: Blut und Feuer und qualmenden Rauch. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und herrliche Tag. Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet. Apostelgeschichte 2,14-21

Das Bemerkenswerte an den Ausführungen des Petrus ist, dass er gerade nicht, wie Erik Flügge in seiner „Predigt“ insinuiert, mit eigenen Worten den eigenen Glauben darlegt. Vielmehr umfassen die Verse Apostelgeschichte 2,17-21 ein Zitat aus dem alttestamentarischen Propheten Joel 3,1-5.

Das Wort Gottes als Grund des Glaubens ...

Die Heilige Schrift bildet die Grundlage der petrinischen Ausführungen. Es geht nicht um Befindlichkeiten, es geht um Fakten. Man kann darüber streiten, ob die Heilige Schrift ein objektives Faktum ist. Für die Zuhörerinnen und Zuhörer des Petrus aber ist sie das unzweifelhaft. Deshalb kann er sich auf diese Grundlage stützen und von hier aus seine Rede argumentativ aufbauen. In drei Absätzen wird er seine Zuhörer zur abschließenden Konklusion führen – in drei Absätzen, die rhetorisch kunstvoll aufeinander aufbauend, die Beziehung zwischen Redner und Zuhörern immer mehr intensivieren. Spricht er am Anfang noch von den jüdischen Männern (ἄνδρες Ἰουδαῖοι – gesprochen: ándres Ioudaîoi – Apostelgeschichte 2,14), nennt er sie wenige Verse später „Männer aus Israel“ (ἄνδρες Ἰσρηλῖται – gesprochen: ándres Israelîtai – Apostelgeschichte 2,22), um sie schließlich in Apostelgeschichte 2,29 als „Männerbrüder“ (ἄνδρες ἀδλφοί – gesprochen: ándres adelfoí) anzusprechen. Das dreifache ἄνδρες (Männer) bildet den roten Faden, der durch die angefügte Determination immer enger zusammengezogen wird.

Die rhetorische Strategie des Petrus erfolgt aber nicht nur auf dieser subtil-pragmatischen Ebene; auch auf der sachlichen Ebene wird die argumentative Dimension weiter ausgebaut, wobei immer wieder der Rekurs auf die Heilige Schrift hervortritt; die Heilige Schrift ist für Petrus – bzw. Lukas als Redaktor der Rede – das, was heute als Altes Testament bezeichnet wird. Zu erwähnen ist hier etwa der große Abschnitt Apostelgeschichte 2,25-28, der auf Psalm 15,8-11 rekurriert oder auch der unmittelbar vor der Schlussfolgerung stehende Impuls von Psalm 109,1 in Apostelgeschichte 2,34-35.

Die Konklusion, zu der Petrus in seiner Rede gelangt, beruht also auf nicht bloß auf Befindlichkeiten, sondern auf Fakten, hier näherhin der Heiligen Schrift, deren Gültigkeit von den Zuhörern, die ja selbst gläubige Juden waren, nicht in Frage gestellt wird. Von hier aus kann er schließlich mit sicherer Gewissheit (ἀσφαλῶς γινωσκέτω – gesprochen asfalôs ginoskéto) folgern (οὖν – gesprochen: oûn/daher):

Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt. Apostelgeschichte 2,36

... auf dem Hintergrund der aktuellen Gegebenheiten

Petrus konnte sich bei seiner Argumentation auf die stille Übereinkunft stützen, dass die Heilige Schrift das Wort Gottes ist. Von hier aus kann er einen logisch stringenten Gedankengang entwickeln. Was aber ist, wenn diese Basis für die Verkündigung nicht gegeben ist? Wie geht Verkündigung, wenn das Wort Gottes nicht als gemeinsamer Grund gegeben ist?

Paulus wird bei seiner missionarischen Tätigkeit unter Nichtjuden mehr als einmal mit dieser Frage konfrontiert gewesen sein. Die Apostelgeschichte überliefert mit seiner Rede auf dem Athener Areopag ein gutes Beispiel für seine Vorgehensweise (vgl. hierzu Apostelgeschichte 17,22-31). In Apostelgeschichte 17,16-21 schildert Lukas den Rahmen, in dem sich die Rede abspielen wird. Er erzählt die Stimmung des Paulus, der angesichts der Götzenbilder in der Stadt in Wallung gerät (παρωξύνετο – gesprochen: paroxyneto – Apostelgeschichte 17,16). Er spricht zu den Juden in der Synagoge und auf der Agora zu den Heiden (Apostelgeschichte 17,17). Er tritt in den Diskurs mit den Eliten und Wortführen der Stadt (vgl. Apostelgeschichte 17,18). Auch ihm widerfährt das Schicksal, das bereits die Apostel nach dem Pfingstereignis ereilte: Manche halten ihn für einen Schwätzer, andere einen Verkünder fremder Gottheiten (vgl. Apostelgeschichte 17,19). Zur Rede gestellt ergreift Paulus die Chance der Verkündigung. Er weiß, dass er hier nicht auf die Heilige Schrift als Wort Gottes zurückgreifen kann, denn sie wird von seinen Zuhörern nicht als argumentative Basis anerkannt. Als gemeinsame Basis aber bietet sich das Umfeld an, der Kontext, der in diesem Moment Redner und Zuhörer verbindet:

Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. Apostelgeschichte 17,22-23

Es ist der einem unbekannten Gott geweihte Altar, der dem Paulus die Chance zur argumentativen Entfaltung seiner Botschaft gibt. Und er versucht seine Zuhörer für sich mit einer sogenannten captatio benevolentiae zu gewinnen, denn er bezeichnet sie nicht als Ungläubige oder Unwissende, sondern als besonders fromme Menschen. Diese Neigung zur Frömmigkeit eint sie mit ihm ebenso wie der situative Kontext des dem unbekannten Gott geweihten Altars.

Auch Paulus knüpft also wie Petrus ein Band zwischen sich und den Zuhörern. Und er entwickelt seine Argumentation auf einer gemeinsamen Basis, über deren Geltung zwischen ihm und den Zuhörern eine stille Übereinkunft besteht:

Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. Apostelgeschichte 17,23

Verkündung als Argumentation

Seine Rede enthält eine Reihe von Anspielungen auf die Heilige Schrift, ohne dass er sie auch nur einmal explizit zitieren oder sich auf sie stützen würde. Stattdessen rekurriert er auf die Welt als Schöpfung und die Unsichtbarkeit Gottes – ein Aspekt, der gerade der intellektuellen Elite reizvoll erschienen sein dürfte. Schließlich spricht er die Überlegenheit des eigenen Gottes an, der den bloßen Götzen und ihrem Kult überlegen ist:

Er lässt sich auch nicht von Menschen bedienen, als brauche er etwas: er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. Apostelgeschichte 17,25

Der leben- und atemgebende Gott ist phänomenologisch ein rhetorisch hervorragender Schritt. Die Zuhörer atmen ja selbst; und der Atem gibt Leben. Kein Gott der Griechen ist dazu imstande. Paulus bietet eine Antwort auf das Geheimnis des Lebens an. Gott ist der Grund des Lebens der Menschen, denen nach Paulus eine Aufgabe gegeben ist:

Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Apostelgeschichte 17,27

Paulus packt seine Zuhörer mit diesem Satz an der philosophischen Ehre. Sie sind ja selbst Sucher der Wahrheit. Er präsentiert sich als einer, der Antworten hat.

Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art. Da wir also von Gottes Art sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung. Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, lässt jetzt den Menschen verkünden, dass überall alle umkehren sollen. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte Apostelgeschichte 17,28-31

Sollbruchstelle

Der letzte Satz der paulinischen Argumentation ist gleichzeitig deren Sollbruchstelle. Hier kommt es zum Schwur, hier muss bekannt werden. Kann man sich auf den intellektuellen Skandal des Auferstehungsglaubens einlassen?14)

Lukas schildert die Reaktionen:

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören So ging Paulus aus ihrer Mitte weg. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig, unter ihnen auch Dionysius, der Areopagit, außerdem eine Frau namens Damaris und noch andere mit ihnen. Apostelgeschichte 17,32-34

Nein, das muss man nicht glauben!

Wer argumentative Diskurse führt, muss mit Reaktionen rechnen – das ist der Sinn und Zweck von Diskursen. Argumente können nur überzeugen, wenn sich die Adressaten auf sie einlassen können. Selbst wenn die gemeinsame Basis der Argumentation geschaffen ist, müssen die Zuhörerinnen und Zuhörer doch den Weg der Argumente hin zur Schlussfolgerung nachvollziehen können. Das Beispiel der paulinischen Areopagrede zeigt, dass er seine Zuhörer lange gefesselt hatte. Da, wo seine ureigenste Erfahrung der Begegnung mit dem vom Kreuzestod Auferstandenen, die ihm selbst ja so lange fremd war, zum Argument wird, wenden sich viele kopfschüttelnd und spottend ab. Subjektive Erfahrung sind keine Argumente – schon gar nicht, wenn sie dem vermeintlich gesunden Menschenverstand widersprechen.

Im 1. Korintherbrief verarbeitet Paulus diese Erfahrung, wenn er denen, die in der Gemeinde an der Auferstehung von den Toten zweifeln, einen nach damaligen Maßstäben gerichtsfesten Beweis anbietet. Zehn erwachsene Zeugen hätten genügt, er aber präsentiert über 513 Auferstehungszeugen.

Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der «Missgeburt». 1 Korinther 15,1-8

Die subjektive Erfahrung wird gerade durch die Aussage, der Auferstandene sei über 500 Brüdern zugleich erschienen, geradezu verobjektiviert. Verstärkt wird das durch den Hinweis, dass die meisten noch am Leben und damit befragbar seien. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Gemeinde angesichts der allgemeinen Skepsis, die sie immer wieder ihrem Gemeindegründer Paulus gegenüber zeigt, von diesem Angebot Gebrauch gemacht hat.

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Warum Jesus wohl 12 Männer zu Aposteln wählte? Die Antwort liegt auf der Hand: Um die Methodenkoffer zu tragen ...

Mehr Theologie wagen!

Die beiden Reden des Petrus und des Paulus in der Apostelgeschichte sind Auftrag und Mahnung zugleich. Kirchliche Verkündigung kommt nicht ohne Theologie aus. Sie muss eine gemeinsame Basis schaffen zwischen Verkünderinnen und Verkündern und Adressaten der Verkündigung. Die Basis betrifft sowohl die Beziehungs- wie die Sachebene. Subjektive Befindlichkeiten hingegen schaffen bloß Sollbruchstellen, die der Verkündigung mehr schaden als nützen. Man muss gar nichts glauben!

Verkündigung ist auch keine Manipulation. Sie ist auch nicht auf effekthascherische Polarisation hin angelegt. So schreibt Paulus an die Korinther:

Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes. 1 Korinther 2,4

Das von Erik Flügge intendierte Internetprojekt „Valerie und der Priester“ bleibt an dieser Stelle merkwürdig banal. Die Distanz zwischen der sich selbst als ungläubig beschreibenden Valerie und dem vermeintlich glaubensgewissen Priester Franziskus von Boeselager bleibt zu groß, als dass es zu einer wirklichen Begegnung zwischen den beiden kommen könnte. Der Priester sitzt auf einem tönernen Thron einer Glaubensgewissheit, die er dann doch nur mit dem Hinweis auf eine subjektive Erfahrung begründen kann. Das kann man glauben oder nicht – es ist schlicht nicht relevant. Wenn das die Antwort Erik Flügges auf die Fragen ist, die sein Buch aufwirft, dann ist er zwar ein genialer Selbstvermarkter, der sein Handwerk als Verpackungskünstler versteht; ein inhaltlicher Impulsgeber ist er nicht.

Es bleibt nur eins: Wollen die Verkünderinnen und Verkünder nicht an der Banalität ihrer Sprache verrecken, dann müssen sie endlich lernen, rhetorisch strategisch zu denken und zu argumentieren. Vor allem aber müssen sie mehr Theologie wagen!

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Bildnachweis

Titelbild: Der verhüllte Mann – Figur über dem Eingang der Galerie Droste in Wuppertal (Werner Kleine) – lizenziert als CC BY-SA 3.0 DE.

Bild 1: Holzschnitt von Gregor Reisch, Margarita Philosophica (1503/1508?), Typus Logice – Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei.

Video: Dei verbum direkt – Die unhaltbare Rede – Dr. Till Magnus Steiner und Dr. Werner Kleine diskutieren die Pfingsterzählung – Quelle: Vimeo – alle Rechte vorbehalten.

Bild 2: Warum Jesus wohl 12 Männer zu Aposteln auswählte (Kumi/Katholische Citykirche Wuppertal)- Alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. http://www.erikfluegge.de [Stand: 23. Oktober 2016].
2. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016.
3. Vgl. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, Klappentext Rückseite.
4. Vgl. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, S. 39ff.
5. Vgl. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, S. 55ff.
6. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, S. 137.
7. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, Klappentext Rückseite.
8. Arnd Bünker, Jargon der Betroffenheit?. Zum Hype um das Buch von Erik Flügge, Feinschwarz.net, 1. September 2016, Quelle: http://www.feinschwarz.net/jargon-der-betroffenheit-zum-hype-um-das-buch-von-erik-fluegge/ [Stand: 23. Oktober 2016].
9. Vgl. hierzu auch Valerie Schönian, Leben mit Franziskus, Zeit-online, 30. September 2016, Quelle: http://www.zeit.de/2016/41/priester-alltag-begleitung-videoblog-glaube [Stand: 23. Oktober 2016].
10. Kerstin Heinemann, Twitteraccount @QUERgedanken, Tweet vom 21. Oktober 2016, Quelle: https://twitter.com/quergedanken/status/789431505496006656 [Stand: 23. Oktober 2016].
11. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, S. 79.
12. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, S. 87.
13. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, S. 86.
14. Vgl. hierzu auch Emmanuel Carrère, „Dei Auferstehung ist ein Skandal“ – ein Interview mit Hans-Joachim Neubauer, Zeit-online, 21. Oktober 2016, Quelle: http://www.zeit.de/2016/44/emmanuel-carrere-gottlosen-christentum-buch-das-reich-gottes?utm_content=buffer7177b&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer [Stand: 23. Oktober 2016].
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1 Reply

  1. […] Prüfstand. Die Glaubens- und Religionskritik ist legitim, denn sie bewahrt die Glaubenden vor dem Abgleiten in die Banalität, dass man manches eben nur glauben kann. Nolens volens stimmt man dem Vorwurf der Religionskritik […]

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