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Wie war Weihnachten? Eine Spurensuche zwischen A wie Augustus und Z wie Zählung


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Die stille Nacht ist abgesungen. In nicht wenigen Christmetten wird ein bemerkenswerter Anachronismus gepflegt. Das Evangelium erzählte eben noch von himmlischen Heerscharen, die von himmlischem Glanz umstrahlt Gottes Herrlichkeit lautstark lobten, da wird am Ende jäh das Licht gelöscht, während die Orgel säuselnd „Stille Nacht“ intoniert. Die deutsch-romantische Legendenbildung um die Heilige Nacht ist kollektiv ins Gedächtnis gemeißelt – inklusive Krippenspiel, armen Hirten und bösen Herbergswirten. Selbst die Predigten kreisen mehr um diese Legenden denn um die Herausforderung, die die Menschwerdung Gottes, die Fleischwerdung des Logos mit sich bringt. Gott wird dann meist eben nicht Mensch, sondern ein schwaches Kind. Er naht sich, als ob er jemals ferne gewesen wäre. Gott erscheint dann fast als Objekt, das irgendwie in der Welt entdeckt wird. Dabei ist die Weihnacht so viel mehr: Es ist die Selbstoffenbarung Gottes in menschlicher Gestalt, eine Entäußerung Gottes in die Wertschätzung der Materie, die göttliche Selbstmitteilung an die Menschen schlechthin, die – von Ostern her gesehen – erkennen lässt: Er war, er ist, er wird sein! Gott war, ist und wird immer bei den Menschen sein. Die Schöpfung ist aus ihm, lebt aus ihm, ist sein. Erst von Ostern her wird erkennbar, was Weihnachten bedeutet:

Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Johannes 1,10-11

Schreck lass nach

Den Worten des Johannesevangeliums wohnt ein Schrecken inne, der den modernen Zeitgenossen, seien es Glaubende, seien sie es nicht, längst abhandengekommen ist. Der Schöpfer wird in seiner Schöpfung, die doch aus ihm selbst bleibend existiert, nicht erkannt – zumindest nicht umfänglich. Es gibt einen Erkenntnisvorbehalt, der seine Ursache letztlich in der menschlichen Beschränktheit hat. Die Verbindung des Menschen zur Umgebung ist rein sensorisch bedingt. Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände können nur materiell Existierendes sehen, hören, riechen, schmecken und begreifen. Es ist die Oberfläche der physischen Welt, die sich dem Menschen mehr oder weniger unmittelbar erschließt. Die hinter der Physis liegende metaphysische Dimension bleibt zuerst verborgen. Sie zu erkennen, bedarf einer besonderen Herangehensweise, die die sichtbaren Zeichen zu deuten versteht. Wo Gott nur Kind wird, bleibt er letztlich harmlos, belanglos, schreckfrei. Verpackt man das Ganze dann noch in ein romantisch-schwärmendes Gefühl, umhüllt vom Lichterglanz warmen Kerzenlichtes, dann bleibt der Schrecken völlig unerklärlich, der den Hirten vor Bethlehem wohl in die Glieder gefahren ist, als sich die Schleusen des Himmels öffneten und Licht- und Lobfluten freisetzten, so dass der Verkündigungsengel, bevor er seine Verheißung an die Mannen bringen kann, die Hirten erst einmal beruhigen muss:

In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll. Lukas 2,8-10

Weihnachtschreck

Μὴ φοβεῖσθε (gesprochen: mè phobeîsthe) – fürchtet euch nicht -, es ist derselbe Gruß, mit dem Gabriel auch die spätere Gottesgebärerin Maria begrüßt (μὴ φοβοῦ – gesprochen: mè phoboû/fürchte dich nicht [Lukas 1,30]), bevor er ihr die Empfängnis des Sohnes Gottes ankündigt. Wo Gott wirklich wird, in die Wirklichkeit der Menschen eintritt, ereignet sich zuerst Schrecken. Allein deshalb schon ist die Weihnacht als stille Nacht eigentlich kaum vorstellbar. Der Schöpfer offenbart sich in geschöpflicher Gestalt. Warum erschrickt da heute niemand mehr? Warum zähmt man den Heiligen zum harmlosen Kindelein? War die Heilige Nacht wirklich so belanglos schön wie ein Krippenspiel mit der Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen reichen, bösen Herbergswirten und armen, aber guten Hirten?

Die Leere von Weihnachten

Im Wesentlichen gehen die Krippenspiele auf das Lukasevangelium zurück. Lediglich da, wo bereits am Heiligen Abend die Sterndeuter auftreten, kommt noch ein wenig das Matthäusevangelium zur Geltung – aber eben nur, um Gold, Weihrauch und Myrrhe abzuliefern. Die bei Matthäus im Anschluss an die Huldigung der Sterndeuter erzählte Flucht des Neugeborenen und seiner Familie vor den Nachtstellungen des Herodes nach Ägypten (vgl. Matthäus 2,13-23) wird – sicher um die weihnachtliche Romantik keiner allzu schweren Störung auszusetzen – meist tunlichst verschwiegen. Dafür füllt man die textlichen Leerstellen des Lukasevangeliums mit wunderbar gefühligem Inhalt, heißt doch die deutsche Übersetzung seit Martin Luther:

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Lukas 2,7 (Lutherübersetzung 2017)1)

Da ist weder von einer Herbergssuche die Rede noch von unwilligen Herbergswirten. Wohl aber löst der deutsche Begriff „Herberge“ eine Reihe von Assoziationen aus, die vor allem an Gasthäuser denken lassen. Aber trifft das auf die hier erwähnte Herberge überhaupt zu?

Lukas verwendet an dieser Stelle den griechischen Begriff κατάλυμα (gesprochen: katályma), der allgemein mit „Herberge“ übersetzt wird, vor allem aber Aufenthalts- und Wohnräume aller Art bezeichnet. Ein Blick in eine Konkordanz zeigt, dass der Begriff außer an dieser Stelle noch zweimal verwendet wird – beide Male im Zusammenhang mit der Abendmahlsüberlieferung. So heißt es bei Markus:

Da schickte er [Jesus] zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mensch begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm, bis er in ein Haus hineingeht; dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum (τὸ κατάλυμα – gesprochen: tò katályma), in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann? Markus 14,13-14

In ähnlicher Weise berichtet Lukas über die Vorbereitungen des letzten Paschamahles Jesu:

Er [Jesus] antwortete ihnen [Petrus und Johannes]: Siehe, wenn ihr in die Stadt kommt, wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, und sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum (τὸ κατάλυμα), in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann? Lukas 22,10-11

Offenkundig handelt es sich also bei der „Herberge“ nicht um ein Wirts- oder Gasthaus bzw. eine Karawanserei, sondern um einen Raum. Von diesem Raum heißt es nun aber im Weihnachtsevangelium des Lukas lediglich, dass dort kein Platz für den Neugeborenen war und man ihn deshalb in eine Krippe legen musste.

HauszurZeitJesu
Rekonstruktion eines Hauses zur Zeit Jesu im Semitic Museum, Harvard University, Cambridge, MA. Sehr schön ist die Einteilung der Ebenen erkennbar: oben der Wohnbereich (κατάλυμα) unten der Bereich für die Tiere (φάτνη).

Wohnstall

Der moderne Zeitgenosse liebt große Räume. Wo man früher Küchen strikt von Wohnzimmern trennte, geht der Trend heutzutage zur Wohnküche. Dieser Gedanke ist nicht wirklich modern. Er wurde schon im Israel zu Zeiten Jesu praktiziert. Das klassische Haus bestand im Wesentlichen aus einem Raum, der neben den Menschen auch den Haus- und Nutztieren Platz bot. Der Wohnraum (κατάλυμα) mit Küche und Schlafgelegenheiten befand sich meist im hinteren Bereich des Hauses. Davor befand sich der Bereich für die Tiere. Damit die Tiere nicht in den Wohnbereich gelangen konnten, war das κατάλυμα etwas erhöht und nur durch eine Stiege erreichbar. Genau diese Anordnung hat Lukas offenkundig vor Augen, wenn er lapidar schreibt, dass aufgrund des Platzmangels im Wohnbereich das Kind in den Futtertrog der Tiere gelegt werden musste. Das hier von Lukas verwendete griechische Wort φάτνη (gesprochen: phátne) bestätigt das, denn es bezeichnet den Stallbereich im Gegensatz zum Wohnbereich (κατάλυμα)2).

In einem solchen Haus, Wohnung und Stall zugleich, haben Maria und Josef also Aufnahme gefunden – wahrscheinlich ohne große Herbergssuche. Dafür spricht nicht nur die damals schon geübte Gastfreundschaft, sondern auch ein anderer Hinweis im Lukasevangelium.

Quirinius und die Volkszählung

Lukas verbindet die Geburt Jesu eng mit zwei Namen von politischem Rang: Kaiser Augustus und Quirinius, dem damaligen Statthalter Syriens. Das macht zum einen eine gewisse Datierbarkeit der Ereignisse möglich, stellt vor allem aber die Menschwerdung Gottes in einen geschichtlichen Kontext: Gott ereignet sich tatsächlich in Welt und Geschichte.

Gleichzeitig trägt die Erwähnung des Augustus und seines Statthalters Quirinius aber noch eine andere Dimension in den Text ein. Die Annalen des Tacitus wissen von Quirinius als erfolgreichem und dem Kaiser ergebenen Heerführer zu berichten3). Es ist also kaum verwunderlich, dass Kaiser Augustus ihn als Legat und Statthalter nach Syrien entsandt. Syrien war damals nicht nur reich, sondern auch das Zentrum der römischen Macht im Nahen Osten. Hier war die römische Orientarmee stationiert, die die östlichen Grenzen des römischen Reiches gegen die Großmacht der Parther und die Völker aus der Wüste abschirmen sollte. Zu seinem Einflussbereich gehörte auch die Provinz Judäa, die 63 v.Chr. von Pompeius erobert und damit in das römische Reich eingegliedert wurde.

Es war durchaus üblich, dass die Römer in den einzelnen Provinzen in regelmäßigen Abständen Volkszählungen zur Erhebung über die Einkünfte durchführten. Solche Volkszählungen, Zensus genannt, sind seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar. Untersuchungen des amerikanischen Althistoriker Frank Tenney zeigen, dass diese Zählungen alle fünf Jahre wiederholt wurden4). Auch wenn in spätrepublikanischer Zeit die Abstände durchaus variieren konnten, ist eine relativ hohe Frequenz der Wiederholung solcher Volkszählungen nachgewiesen. In diesem Zusammenhang ist der Fund eines auf das Jahr 127 n.Chr. datierten Papyrus interessant, der die Steuererklärung einer Jüdin mit dem Namen Babatha enthält5). Die Analysen dieses Papyrus durch den Kölner Althistoriker Klaus Rosen zeigen, dass anlässlich einer angeordneten Steuerschätzung eben jene Babatha mit ihrem Mann Judanes von Maoza in der Provinz Arabia nach Rabbath reist, um dort ihren Landbesitz zu deklarieren.

Offenkundig ist also vorhandener Grundbesitz Anlass genug, sich anlässlich einer Steuerschätzung auf die Reise zu machen. Für Maria und Joseph würde das bedeuten, dass Letzterer offenkundig über Grundbesitz in Bethlehem verfügte. Aber ist Bethlehem als Geburtsort überhaupt verifizierbar?

Mehr als nur Verheißung

Tatsächlich spricht einiges dafür, dass Bethlehem als Geburtsort Jesu nicht nur von der Notiz im Buch des Propheten Micha her inspiriert ist:

Aber du, Betlehem-Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Seine Ursprünge liegen in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen. Micha 5,1

So weist der Althistoriker Andreas Gerstacker6) darauf hin, dass der Hinweis auf das Prophetenzitat bei Lukas im Unterschied zu Matthäus (vgl. Matthäus 2,5) fehlt. Außerdem hat Bethlehem im Frühjudentum hinsichtlich der vielfältigen Messiaserwartungen an sich keine zentrale Rolle gespielt. Kaum einer der vielen Messiasanwärter des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr., angefangen von Bar Kochba bis hin zu Rabbi Akiba, hat diesen Anspruch erhoben7). Die Notiz in Micha 5,1 kann als Verstärkung gesehen werden, die einen historischen Umstand zusätzlich ausdeutet. Tatsächlich verweisen darüber hinaus aber eben auch frühchristliche Traditionen, die mit dem Ort Bethlehem als solchem verbunden sind, darauf, dass sich hier mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit die Geburt Jesu ereignet hat. Darin stimmt ja auch Matthäus bei aller Unterschiedlichkeit in der sonstigen Weihnachtsüberlieferung ebenso mit Lukas überein wie in der Darstellung, dass Jesus in Nazareth aufgewachsen ist.

Geschichte ohne Geschichten

Die außerbiblischen Hinweise deuten darauf hin, dass Lukas hier nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern ein Ereignis, das Geschichte gemacht hat. Hinter dieser Geschichte stehen Fakten, auf die Lukas noch unmittelbar zugreifen konnte. Diese Fakten verbergen sich hinter wenigen Andeutungen und Stichworten, die sich den lukanischen Zeitgenossen wohl unmittelbar erschlossen haben, weil sie ihren Sitz im Leben im zeitgeschichtlichen Kontext hatten. Die Erwähnungen des Kaisers Augustus und des Statthalters in Syrien, Quirinius, schlagen nicht nur einen weltgeschichtlichen Horizont auf; sie determinieren auch das im Folgenden geschilderten Verwaltungsereignis der Volkszählung. Eben jene Volkszählung mag durchaus stattgefunden haben. Die Umstände einer solchen Zählung haben durchaus eine Wanderung des Joseph mit Maria nach Bethlehem motiviert, insofern Joseph in Bethlehem Grundbesitz hatte. Das wiederum lässt darauf schließen, dass zumindest Joseph in Bethlehem konkrete soziale Kontakte hatte. Diese wird er genutzt haben, um während der zählungsbedingten Anwesenheit in Bethlehem eine Unterkunft zu bekommen. Dafür spricht eben nicht nur die sprichwörtliche orientalische Gastfreundschaft, sondern auch die matthäische Notiz anlässlich des Besuches der Sterndeuter, die in ein Haus (ἡ οἰκία – gesprochen: he oikía/Matthäus 2,11) gingen. Ein solches Haus bestand zeittypisch aber eben nicht selten aus einem Wohnbereich (κατάλυμα) und einem Bereich für die Nutztiere (φάτνη). Offenkundig war aufgrund der Zählung das besagte Haus aber schon so überfüllt, dass man den Neugeborenen in einen Futtertrog legte. Gott wird also nicht in einem armen Stall Mensch, sondern inmitten von Menschen und Tieren: Er kommt in die Mitte derer, die seinen Lebensatem haben, in die Mitte seiner Schöpfung, in sein Eigentum – und die Menschen erkennen zuerst ein neugeborenes Menschenkind. Es bedarf schon der himmlischen Deutung der Engel, um den Schrecken der Weihnacht erahnen zu lassen – ein Kind in Windeln. Und das soll der wahre Gott sein? Selbst nach dem Kreuzestod und der Auferstehung Jesu wird man noch drei Jahrhunderte um diese Erkenntnis ringen. Aber erst von der Auferstehung her wird ahnbar, dass hier mehr als die Geburt eines Menschenkindes geschah.

Weihnachten neu erzählt

Der Text des Lukas enthält Leerstellen, die seine Adressaten in Kenntnis der zeitgenössischen Umstände sicher ohne größere Umstände gefüllt haben. Der zeitliche und kulturelle Abstand ermöglicht manches Missverständnis. So wird aus der Wohnstube ein Gasthaus, aus dem Futtertrog ein Stall. Was einst an einem Ort vereint war, ist nun getrennt – mit nicht unerheblichen Konsequenzen für die Wirkungsgeschichte der weihnachtlichen Botschaft. Plötzlich treten böse Herbergswirte auf den Plan, von denen weder Lukas noch Matthäus wissen, die aber eine tragende Rolle bis in die Weihnachtspredigten hinein zu spielen beginnen.

Es wird sicher kaum möglich sein, die Tradition der Krippenspiele an dieser Stelle zu ändern. Die diesen Krippenspielen zugrundeliegende Legende ist stark. Trotzdem lohnt es sich, aufgrund dessen, was man von der Nacht zu Bethlehem, die heilig werden sollte, weiß, die alte Geschichte neu zu erzählen – gewissermaßen als modernes Apokryphon. Es ist eine Geschichte, die im Taumel säuselnder Stille aufschreckt, denn sie zeigt, dass hier eben kein Märchen erzählt wird. Es ist die Geschichte einer schrecklichen Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, die doch nie von ihm getrennt sein kann – eine Geschichte wie von nebenan:

Still war sie nicht, diese Nacht, die heilig werden sollte. Das ungleiche Paar war schon seit Tagen unterwegs. Acht bis zehn Tagesmärsche brauchte man, um von Nazareth nach Bethlehem zu kommen. Bei den beiden mögen es ein paar mehr gewesen sein. Sie war schließlich hochschwanger. Der kurze Weg durch Samarien war undenkbar – einfach zu gefährlich. Also nahmen sie den Umweg durch das Jordantal. Endlich waren die Strapazen dieser aufgenötigten Reise vorbei. Wie bereits in anderen neu eroberten Provinzen hatte Kaiser Augustus auch in Palästina eine Volkszählung, den Zensus angeordnet. Und weil der Mann dieses Paares wohl Grundbesitz in Bethlehem, seiner Geburtsstadt hatte, mussten die beiden dorthin.

Er war wohl um einiges älter als die junge Frau. Die Leute redeten schon in Nazareth, dass er wohl nicht der Erzeuger des Kindes sei. Flinke Zungen sind schneller als müde Beine. So kommen sie in Bethlehem an – müde, staubig, erschöpft.
Eine Unterkunft ist rasch gefunden. Bethlehems Häuser boten viel Platz für die Fremden. Gastfreundschaft ist Pflicht. Bloß in der Herberge, dem oberen Teil der Häuser, den nur ein paar Stufen vom unteren Teil trennten, in dem man die Haustiere hielt, war kaum Platz. Unten aber, bei den Tieren, konnte sich das Paar ein Fleckchen suchen.
Stickig war es in diesem Haus voll Mensch und Tier, laut von tierischen und menschlichen Geräuschen und Stimmen. Man macht sich bekannt. Mirjam und Yosef heißen sie.
In der Nacht setzen bei Mirjam die Wehen ein. Sie gebiert einen Sohn, wie Frauen eben Kinder gebären – lautes Leben, erster Schrei, Leben wird in diesem Menschlein.
Da stürzen Männer herein, dem Schafgeruch nach Hirten. Sie erzählen von Licht und sphärischem Klang. Wie mächtiges Flügelrauschen sei es gewesen oder wie Donnergrollen. Sie ahnen, nein: sie wissen, dass hier eine Verheißung wahr wird. Kein Grund zum Schweigen, nein: zum Jubeln!
Die Hirten gehen, die Stille schweigt. Ruhiger wird es nicht, denn schon wieder wird die Tür aufgestoßen. Fremdländer betreten den Raum. Man riecht Rauchwerk und Gewürz, vor allem das Geld. Persische Sterndeuter seien sie. Ein einzigartiges Himmelereignis hätte sie gefesselt: die Konjunktion von Ormusd und Keyvaan, die man in Rom Jupiter und Saturn nennt – Planet des Königs und dem der Juden. Beide seien zu einem Stern verschmolzen. Ihm seien sie hierher gefolgt, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Reiche Geschenke bringen sie: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Mirjam wird sich wohl gefragt haben, was sie damit anfangen soll. Windeln bräuchte sie jetzt – und eine Decke für ihr Baby, das da zwischen den Tieren im piksenden Stroh liegt. Reise, Geburt und diese ganzen Menschen haben sie erschöpft. Still war sie nicht diese Nacht, die heilig geworden ist. Yosef gab dem Kind den Namen Joshua. Joshua aber lobte Gott, wie nur der Mund von Kindern und Säuglingen Gott loben kann: Er schrie, schrie vor Leben, wie alle Neugeborenen schreien. Nein – still war sie wirklich nicht, die Heilige Nacht – aber voller Leben!

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Bildnachweis

Titelbild: Jesuskind – Ausschnitt der Wuppertaler Graffiti-Krippe 2017 (Werner Kleine) – lizenziert als CC BY-SA 3.0.

Bild 1: A full scale replica of an ancient Israelite home from the ’Houses of Ancient Israel: Domestic, Royal, Divine’ exhibit. Courtesy & currently located at the Semitic Museum, Harvard University, Cambridge, MA (B.Kelly) – Quelle: tumblr – lizenziert als CC BY-NC.

Einzelnachweis   [ + ]

1. So auch schon die revidierte Lutherübersetzung 1984. Die Einheitsübersetzung 2016 übersetzt ebenso wie die Einheitsübersetzung 1979: „und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Lukas 2,7
2. Vgl. hierzu W. Bauer, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testamentes und der frühchristlichen Literatur, Berlin 1988, Artikel φάτνη, Sp. 1703.
3. Vgl. Tacitus, Annalen 3,48.
4. Vgl. hierzu F. Tenney, Roman Census Statistics from 508 to 225 B.C. In: The American Journal of Philology, Band 51, Nr. 4, 1930, S. 313–324, online unter: http://www.jstor.org/stable/262658?origin=JSTOR-pdf&seq=1#page_scan_tab_contents [Stand: 22. Dezember 2017]. Zu den Volkszählungen siehe auch W. Scheidel, Empires of Inequality: Ancient China and Rome, online veröffentlicht: 1.8.2016, Quelle: https://ssrn.com/abstract=2817173 [Stand: 22. Dezember 2017].
5. Vgl. hierzu H.-W. Neudorfer /E. Schnabel (Hrsg.), Das Studium des Neuen Testamentes. Einführung in die Methoden der Exegese, Wuppertal 2006, S. 183 sowie den dort zu findenden Hinweis auf K. Rosen, Zur Diskussion um Jesu Geburtsdatum: Der Census des Quirinius und eine jüdische Steuererklärung aus dem Jahr 127 n.Chr., in: W. Brandmüller (Hrsg.), Qumran und die Evangelien. Geschichten oder Geschichte?, Aachen 1994, S. 41-58.
6. Vgl. zum Folgenden A. Gerstacker, Warum reisten Maria und Joseph nach Bethlehem?, Quelle: http://www.begruendet-glauben.org/articles/gerstacker-warum-maria-und-joseph-nach-bethlehem-reisten/ [Stand: 22. Dezember 2017].
7. Vgl. A. Gerstacker, Warum reisten Maria und Joseph nach Bethlehem?, Quelle: http://www.begruendet-glauben.org/articles/gerstacker-warum-maria-und-joseph-nach-bethlehem-reisten/ [Stand: 22. Dezember 2017].
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