Kapitel
conditio humana·Res publica

Wenn Friede und Gerechtigkeit sich küssen Die Bedeutung von Frieden im Alten Testament


den Artikel
vorlesen lassen

Nordkorea, Ukraine, Israel/Palästina – diese Länder und noch viele andere stehen für scheinbar endlose Konflikte, in denen Frieden nur ein kalter Krieg ist, der immer wieder entflammt; und während Syrien, Irak und der Jemen im Krieg versinken, lebt die übrige Welt doch in einer friedlichen Zeit. Die Zahl der Kriegstoten 2015 lag bei 119.000 Menschen – verglichen mit den 60er, 70er, 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, ist dies ein Tiefstand.1) Weltweit sterben 6mal mehr Menschen durch einen Suizid als im Krieg. Trotz aller Schlagzeilen ist das 21. Jahrhundert eine friedliche Zeit – aber eben keine Friedenszeit. Denn Frieden ist mehr als eine sinkende Zahl von Kriegsopfern oder die partielle Abwesenheit von Krieg. Frieden bedeutet Unversehrtheit, Wohlergehen und Vollständigkeit. Es ist eine lebensfördernde und gerechte Geordnetheit der Welt in ihren politischen, rechtlichen und sozialen Realitäten. Zumindest ist dies eine Vorstellung von Frieden im Alten Testament.

Zustand und Verhältnisbestimmung

Das hebräische Wort, das im Deutschen meistens mit „Frieden“ wiedergegeben wird, ist שלום (gesprochen: schalom). Es leitet sich aus einer Verbalwurzel ab, die ein weites Bedeutungsspektrum2) besitzt: „heil sein und bleiben“, „wiederherstellen“, „ersetzen“, „bezahlen“, aber auch „vergelten“. שלום bedeutet die personelle und sachliche Integrität bzw. die Wiederherstellung dieses Zustands.3) Das heißt nicht, dass Frieden immer Gerechtigkeit bedeutet:

Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung [שלום] vorschlagen. Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein. Deuteronomium 12,10-11

In diesem Kriegsgesetz ist Frieden nur die Abwesenheit der Kampfhandlung. Die friedliche Einigung (שלום) ist nur ein Verzicht auf Gegenwehr und Widerstand. Die Folgen sind Unterwerfung und Frondienst: ein Frieden, aus dem Hass und neue Gewalt entstehen können. Nicht jeder Frieden ist gerecht. Im Alten Testament bedeutet Frieden nicht immer das Gegenteil von Krieg. In 2 Sam 11 führt David Krieg gegen die Ammoniter und erkundigt sich bei Urija – wenn man den hebräischen Text wörtlich übersetzt – nach dem „Frieden des Krieges“ (שלום המלחמה), womit der Erfolg der Kriegshandlungen gemeint ist. Er fragt mit dieser Formulierung, ob der Krieg wie geplant verläuft.

Verständigung

Der Begriff שלום bedeutet auch „Wohlbefinden“ und kann sich ebenso auf Kriegshandlungen wie auf Personen beziehen:

Friede sei mit dir! Richter 19,20

Dieser Ausspruch ist eine Begrüßungsformel und zugleich ein Segenswunsch, wie die darauffolgenden Worte zeigen:

Was Dir fehlt, das lass nur meine Sorge sein… . Richter 19,20

Dieser Segenswunsch verdeutlicht, dass das Wohlbefinden der anderen Person, hier in der Verantwortung des Sprechenden liegt. Frieden bedeutet eine zweiseitige Verständigung. Als der machtvolle Prophet Samuel

nach Bethlehem kam, gingen ihm die Ältesten der Stadt zitternd entgegen und fragten: Bedeutet dein Kommen Frieden? Er antwortete: Frieden. 1 Samuel 16,4-5

Lebensfülle

Im Sprichwörterbuch findet sich die Zusage, dass die Lehre des Weisheitslehrers Leben und שלום mehren:

Mein Sohn, vergiss meine Unterweisung nicht, bewahre mein Gebot in deinem Herzen! Denn sie vermehren die Tage und Jahre deines Lebens und bringen dir Wohlergehen [שלום]. Sprichwörter 3,1-2

Der Kontext dieser Aussage legt es nahe, שלום hier als das Wohlergehen im Leben zu deuten, das es ermöglicht, lebenssatt in Frieden zu sterben (siehe zum Beispiel Genesis 15,15).

Frieden und Gerechtigkeit

Das hebräische Wort שלום, das meistens mit Frieden übersetzt wird, besitzt eine Vielfalt von Bedeutungen. Frieden kann Unterdrückung und Frondienst bedeuten. Frieden meint nicht unbedingt das Gegenteil zu Krieg. Mit dem Wort Frieden wird sich um das eigene Wohlbefinden und das Wohlbefinden des Anderen gekümmert und Frieden kann Lebensfülle bedeuten. In jedem Fall bedeutet der Begriff mehr als eine politische Ruhevorstellung. Politischer Friede liegt in der Verantwortung der Herrschenden:

Er [der König] regiere dein [Gottes] Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil. Dann tragen die Berge Frieden für das Volk und die Hügel Gerechtigkeit. Psalm 72,2-3

Der Frieden ist die Frucht der Gerechtigkeit und der Rechtschaffenheit, der durch das Ideal eines Zusammenlebens geschaffen wird, dem Einzelnen die Lebensfülle ermöglicht und zugleich das Wohlergehen der Gesellschaft im Blick hat.

Er [der König] schaffe Recht den Elenden des Volkes, er rette die Kinder der Armen, er zermalme die Unterdrücker. Psalm 72,4

Gerechtigkeit ist Hilfe für die Ärmsten der Armen und die Schaffung eines sozialen Gleichgewichts ohne unterdrückerische Strukturen [siehe den Text: Ein biblisches Regierungsprogramm gegen Armut]. Wenn Gerechtigkeit blüht, dann herrscht Frieden (siehe Psalm 72,7). Frieden ist zwar eine Zusage Gottes, aber der gerechte Frieden liegt in der Verantwortung des Menschen.

Ich will hören, was Gott redet: Frieden verkündet der HERR seinem Volk und seinen Frommen, sie sollen sich nicht zur Torheit wenden. Psalm 85,9

Die Realisierung des Friedens als Gottesgeschenk hängt von dem Verhalten der Menschen ab. Die Menschen können sich vom zugesagten Frieden abwenden, aber wie der folgende Vers feststellt, ist das Heil schon angebrochen:

Fürwahr, sein [Gottes] Heil ist denen nahe, die ihn fürchten, seine Herrlichkeit wohne in unserem Land. Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich. Psalm 85,10-11

Der Kuss zwischen Gerechtigkeit und Friede wird nicht als zukünftiges Ereignis beschrieben. Die verwendete Verbform ist im Hebräischen ein Perfekt, eine abgeschlossene, also feststehende Handlung. In ihrer Relevanz für den Menschen ist sie aber abhängig vom menschlichen Verhalten. Erst die Verbindung von Gerechtigkeit und Frieden bedeutet Heil. Frieden ohne Gerechtigkeit ist ein zerbrechlicher Zustand. Nur wo Gerechtigkeit geübt und Frieden gelebt wird, entsteht eine Geordnetheit der Welt, in der ein Kuss eine höhere Bedeutung als jeder Krieg hat.

Empfehlen Sie diesen Artikel weiter
  • Share this on WhatsApp
Wenn Sie über die Veröffentlichung neuer Texte informiert werden möchten, schicken Sie bitte eine E-Mail, mit dem Betreff „Benachrichtigung“, an mail@dei-verbum.de

Bildnachweis

Titelbild: sdg-16-hz, von Maggie Soladay. Lizenz: CC0 1.0 Universal.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. „Wie misst man Weltfrieden?“, Christoph Henrichs und Guido Mingels, Spiegel Online, 08.04.2017 [Stand: 07. Juli 2017].
2. Siehe Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, hg. von Herbert Donner, 18. Auflage 2013, S. 1367-1368.
3. Vgl. Art. „Frieden/Schalom“, Rüdiger Liwak, WiBiLex, erstellt: März 2011 [Stand: 07. Juli 2017].
Weitere Beiträge:

1 Reply

  1. Ich finde Psalm 85 so zutreffend für unser Volk und Land, dass ich ihn seit der friedlichen Revolution und anschließenden deutschen Wiedervereinigung regelmäßig vor jedem Gottesdienst bete.
    Er ist ja auch z.B. im Gotteslob-Gebetbuch unter Nr. 633, 5 abgedruckt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.