Kapitel
Ecclesiastica·Oecumenica

Was ist Einheit? Über die Suche nach einer Utopie

„Seid eins“ – Der Wunsch nach Zusammenhalt gehört sicher zu den viel beschworenen Wünschen, die im Angesicht des Todes den Nachfahren überantwortet werden. In vielen Fällten wird dieser Wunsch allerdings spätestens dann konterkariert, wenn es ums Erben geht. Die Interpretation der Testamente birgt Konfliktpotential.

Die Einheit entpuppt sich somit nur allzu oft als beschworenes Ideal, das an der Wirklichkeit scheitert. So ist es wohl auch mit einer immer wieder ersehnten Einheit der Kirchen. Das große Reformationsjubiläum der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen geht zu Ende. Manch einer mag erschöpft ausrufen: Es ist vollbracht! Viele sehen in diesem Jahr eine vertane Chance mit zu viel Lutherallala und zu wenig theologischer Auseinandersetzung am Puls der Zeit1). Andere hingegen, wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx und der Vorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) Heinrich Bedford-Strohm sehen eher eine Stärkung des ökumenischen Miteinanders, wobei auch die beiden Protagonisten – im privaten Leben offenkundig ziemlich beste Freunde – feststellen müssen:

„Wir verpflichten uns, insbesondere der Frage nach der sogenannten ‚sichtbaren Einheit’ nachzugehen und zu klären, was sie bedeutet. Wir müssen auch weiter über strittige Themen reden: das Kirchenverständnis, den Zusammenhang zwischen Kirche, Eucharistie und Amt, das Papstamt. Dabei geht es nicht um eine vorschnelle Einheitlichkeit, sondern um die Frage, ob und was bei diesen Themen kirchentrennend ist und was sich gegenseitig verstehen lässt auf der Basis von Grundeinsichten und Gemeinsamkeiten, namentlich der Taufe als dem ‚sakramentalen Band der Einheit’. Es wird wichtig sein, zu klären, wie tragfähig das Konzept der Einheit in versöhnter Verschiedenheit auch für das katholisch-evangelische Verhältnis ist. Versöhnte Verschiedenheit darf kein floskelhafter Dispens von theologischer Forschung und Debatte sein.“2)

Ein pastorales Placebo?

Freilich fragt man sich, warum diese Auseinandersetzung erst jetzt beginnen soll. Warum hat man die Chance des Reformationsjubiläums nicht genau für diese Auseinandersetzung genutzt. So haben die Worte die Qualität von Lippenbekenntnissen mit Herpes – Enttäuschungen vorprogrammiert. Ist der Reformationstag 2017 tatsächlich, wie der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer in einem Facebook-Posting formuliert, erstmalig ein gemeinsamer Festtag3), bei dem die römisch-katholische Kirche und die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen, den Thesenanschlag Luthers als wahrhaft ökumenisches Ereignis feiern? Oder hat nicht doch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße Recht, wenn er seiner Skepsis angesichts des Wunsches, der 31. Oktober möge als Reformationstag doch nun dauerhaft ein bundeseinheitlicher Feiertag werden, Ausdruck verleiht und feststellt, dass das Datum doch eher die Spaltung der Christenheit markiere4). Selbst innerhalb der römisch-katholischen Kirche gibt es einen deutlichen Dissens um die Einheit5). Bleibt die Einheit also ein frommer Wunsch, ein pastorales Placebo?

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Ob ein auf Spielzeuggröße geschrumpfter Luther wirklich das Zeug zur Reformation hat? Es scheint, als habe man den Geist der Reformation und ihr hartes theologisches Ringen nicht in das Jahr 2017 retten können. So aber muss der Reformator um der Harmonie willen zum Playmobilmännchen mutieren.

Das Paradigma der Einheit

Bereits Jesus ist von dem Wunsch beseelt, die Seinen mögen in Einheit beieinander bleiben. So lässt der Evangelist Johannes in den Abschiedsreden Jesus vor seinem Leiden und Sterben ein bemerkenswertes Vermächtnis sprechen:

Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir! Johannes 17,11

Die Einheit, die Jesus hier beschwört, richtet sich an die versammelte Jüngerschar. Es ist eine überschaubare Gruppe, die hier in die Pflicht genommen werden soll. Bemerkenswert aber ist vor allem zweierlei: Die Einheit, die Jesus hier bittend erfleht, soll Abbild der Einheit Jesu mit dem Vater sein. Ihr eignet also eine primär symbolische Funktion, wie sie auch im Epheserbrief hervorgehoben wird, wenn dessen Autor die Gemeinde zur Einheit auffordert:

Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens! Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist. Epheser 4,2-6

Hier wie dort wird die Einheit theologisch begründet. Die Einheit Gottes ist Grund für die Einheit der Gemeinde. Es gibt nur einen Gott, daher auch nur einen Glauben, in den man durch eine Taufe eingetreten ist. Gottes Einheit aber wird hier wie dort durch die Einheit des Vaters und des Sohnes begründet. Dabei tritt im Epheserbrief vor allem der Heilige Geist als Garant der Einheit auf. Er ist es, in dem die Gemeinschaft der Glaubenden mit Gott garantiert ist, die ihrerseits wiederum die Einheit der Gemeinde begründet.

Ähnlich geht auch Johannes vor, bei dem Jesus sagt:

Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. Johannes 17,22-23

Hier ist es die Herrlichkeit (δόξα – gesprochen: dóxa), die Jesus den Jüngern gegeben hat. In dieser Herrlichkeit soll die Einheit begründet werden. Δόξα aber steht für dieשְׁכיִנָה  (gesprochen: schechina), mit der in der Sprache des rabbinischen Judentums die Wohnstatt Gottes in Israel beschrieben wird. Die שְׁכיִנָה steht für die Gegenwart Gottes, die in der paulinischen Sprechweise, in deren Tradition auch der Epheserbrief steht, eben auch durch den Heiligen Geist verwirklicht wird.

Eine Frage der Wahrheit

Johannes bringt die ganze Dynamik des Ineinander von Herrlichkeit, Vater und Sohn bereits in seinem Prolog zum Ausdruck. Dort heißt es:

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14

In der Fleischwerdung des λόγος (gesprochen: lógos) wird die Herrlichkeit Gottes offenbar. Diese Herrlichkeit ist voll Gnade (χάρις – gesprochen: cháris) und Wahrheit (ἀληθεία – gesprochen: aletheía).

Bemerkenswerterweise rekurriert Jesus in den Abschiedsreden genau auf diesen Wahrheitsbezug der Einheit:

Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.  Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.  Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Johannes 17,17-20

Die Betonung liegt darauf, dass der Logos Gottes Wahrheit ist. Es ist dieser Logos, der in Jesus Fleisch geworden ist und zu dessen Bezeugung er nun die Seinen in die Welt schickt. Es besteht kein Zweifel, dass der göttliche Logos ungeteilt und unteilbar ist. Die Wahrheit kann nicht falsch sein – das ist ja schon eine Frage der Logik!

Was ist Wahrheit?

Kurz nachdem Johannes Jesus diese Worte sprechen lässt, schildert er die Verhaftung Jesu. Die Jünger, deren Einheit eben noch beschworen wurde, zerstreuen sich schneller als Herbstlaub im Sturmwind. Schlimmer noch: Zwei seiner engsten Gefährten distanzieren sich öffentlich von ihm. Judas Ischarioth wird ungeachtet seiner persönlichen Motive zum Henkershelfer; und Petrus will öffentlich nichts mehr mit dem Verhafteten zu tun haben. Angst fressen damals schon Seele auf. Die Wahrheit muss dem Selbsterhaltungstrieb weichen. Schließlich kommt es im Verhör Jesu vor Pilatus, als der fleischgewordene Logos vor dem weltlichen Richter steht, zur Frage aller Fragen:

Was ist Wahrheit? Johannes 18,38

Eine Frage, die unbeantwortet bleibt.

Das Scheitern der Einheit

Die ersehnte Einheit zerbrach also bereits, als Jesus noch lebte. Es wird viel Mühe kosten, die Jüngerschaft wieder zusammen zu bringen. Es ist die Angst, die die Gemeinschaft der Jünger wieder zusammenführt – eine Gemeinschaft der Abschottung:

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Johannes 20,19

In diese Angst hinein offenbart sich der Auferstandene. Die Wahrheit kann mit Händen begriffen werden – und bleibt doch zweifelhaft. Der wer nicht begreifen konnte, will nicht zwingend wahrhaben, was andere verkünden. So ergeht es auch Thomas, genannt Didymus, der – obwohl zum Zwölferkreis gehörend – denen, mit denen er doch Jesus von Anfang an begleitet hat, nicht auf das Wort hin vertrauen kann. Er muss sich sein eigenes Urteil bilden. Die Einheit droht an der Wahrheitsfrage zu zerbrechen, solange die Wahrheit nicht unbestreitbar vor Augen liegt. Genau das aber ist in den Zeiten nach der Himmelfahrt des Auferstandenen das Grundparadigma christlichen Ringens. Es soll geglaubt werden, was Augen- und Ohrenzeugen vor nahezu 2.000 Jahren verkündeten. Worte ohne empirische Nachweise sind aber nicht nur in sich immer interpretabel; sie können sogar bezweifelt werden. Die Frage nach dem, was Wahrheit ist, wird zum christlichen Grundparadigma. An der Interpretation der Wahrheit droht schließlich immer wieder auch die ersehnte Einheit zu scheitern.

Befindlichkeiten begründen keine Einheit

Wie im normalen Leben, streiten sich auch die Jünger Jesu zu allen Zeiten um dessen Vermächtnis. Ist er nun Gott und Mensch? Wie verhalten sich Gottheit und Menschheit zueinander? Geht der Geist nur aus dem Vater hervor oder aus dem Vater und dem Sohn? Macht „allein“ der Glaube gerecht? Fragen über Fragen, die sich im Lauf der Zeiten stellen. Fragen, an denen die ersehnte Einheit immer wieder zerbrochen ist – und das schon in frühesten Zeiten der Christenheit. Allein schon die Stärke, mit der die Einheit in den bisher zitierten Texten aus dem Johannesevangelium und dem Epheserbrief sehnend beschworen wird, lässt eher darauf schließen, dass sie de facto in der christlichen Gemeinde nicht bestand. Das gilt insbesondere auch für die geradezu utopische Schilderung einer Art frühchristlichen Kommunismus in der Apostelgeschichte des Lukas. Er beschreibt dort mit eindringlichen Worten die goldene Zeit des Anfangs der Urgemeinde:

Alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte.  Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. Apostelgeschichte 2,44-46

Das hört sich in der Tat zu schön an, um wahr zu sein. Sicher hat Lukas hier ein idealistisches Bild geschaffen, das er der Gemeinde, an die er seine Texte ursprünglich richtet, als Idealbild vor Augen hält. Das macht freilich nur dann Sinn, wenn eine Gemeinde ein solches Idealbild überhaupt nötig hat. Tatsächlich halten die guten Vorsätze auch in der Schilderung des Lukas nicht lange, denn wenige Absätze später schildert er, wie innerhalb der Gemeinde der Spaltpilz wuchert – mit drastischen Konsequenzen:

Ein Mann namens Hananias aber und seine Frau Saphira verkauften zusammen ein Grundstück und mit Einverständnis seiner Frau behielt er etwas von dem Erlös für sich. Er brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen.  Da sagte Petrus: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst und von dem Erlös des Grundstücks etwas für dich behältst?  Hätte es nicht dein Eigentum bleiben können und konntest du nicht auch nach dem Verkauf frei über den Erlös verfügen? Warum hast du in deinem Herzen beschlossen, so etwas zu tun? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott. Als Hananias diese Worte hörte, stürzte er zu Boden und starb. Und über alle, die es hörten, kam große Furcht. Die jungen Männer standen auf, hüllten ihn ein, trugen ihn hinaus und begruben ihn.  Nach etwa drei Stunden kam seine Frau herein, ohne zu wissen, was geschehen war.  Petrus fragte sie: Sag mir, habt ihr das Grundstück für so viel verkauft? Sie antwortete: Ja, für so viel.  Da sagte Petrus zu ihr: Warum seid ihr übereingekommen, den Geist des Herrn auf die Probe zu stellen? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, stehen vor der Tür; auch dich wird man hinaustragen.  Im selben Augenblick brach sie vor seinen Füßen zusammen und starb. Die jungen Männer kamen herein, fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihrem Mann. Da kam große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die davon hörten. Apostelgeschichte 5,1-11

Die persönlichen Befindlichkeiten einzelner begründen nicht nur keine Einheit; sie sind vielmehr die größte Gefahr für die Einmütigkeit.

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Petrus und Paulus wurden wohl keine Freunde. Wohl aber sind sie Geschwister in Christus.

Streit ums Testament

Das Testament, das Jesus im Johannesevangelium den Seinen übergibt, ist also schon früh in Gefahr gewesen. Eine Einheitskirche hat es in diesem Sinn nie gegeben. Das Ringen um die Einheit, wie es in den neutestamentlichen Schriften immer wieder erkennbar ist, ist vielmehr ein Indiz dafür, dass die Gemeinden eben nicht einem Einheitsideal entsprachen. Dabei ist hier eben von einzelnen Gemeinden die Rede und nicht von weltumspannenden Kirchen. Das darf bei aller Sehnsucht nach ökumenischer Einheit nicht übersehen werden: Die Einheit anmahnenden Worte richten sich an verhältnismäßig kleine Gruppen: den Zwölferkreis, die Jüngerschaft, die Gemeinde vor Ort, deren Mitgliederzahl wohl eher im niedrigen bis mittleren dreistelligen Bereich anzutreffen ist. Hier soll eine Einmütigkeit und Einheit herrschen, ein gegenseitiges Dienen in Demut. Dass diese Einheit schon schwer genug zu erreichen ist, davon zeugen gerade die mahnenden Stimmen des Neuen Testamentes. Um vieles schwerer ist es freilich eine die Gemeinde übersteigende Einheit zu verwirklichen, wie der Streit um die Heidenmission zeigt, der auf der Frage beruht, ob man Menschen taufen darf, ohne dass sie vorher beschnitten worden sind – oder kurz: Kann man Heiden taufen ohne dass sie vorher zum Judentum konvertiert sind?

Das ist in der Tat ein Streit um das Testament Jesu. Die ursprünglich Gemeinde in Antiochien, die ursprünglich wohl aus Diasporajuden bestand, hatte aus dem Nachdenken über die Konsequenzen der Auferstehung des Gekreuzigten gefolgert, dass eine Übernahme der Thora nicht mehr erforderlich sei, um in das Volk Gottes einzutreten: Wenn Gott einen aufgrund des Kreuzestodes, der den Hingerichteten laut der Thora (Deuteronomium 21,23) de facto als Sünder erweist, Gebrandmarkten trotzdem auferweckt, dann kann das nur heißen, dass die Thora nicht mehr der einzige Weg zum Heil ist. Genau das aber sah man in der Jerusalemer Urgemeinde um den Zwölferkreis der Apostel Jesu wohl anders. Der Streit um das Testament Jesu war vorprogrammiert und mündete in das Apostelkonzil, das in der Apostelgeschichte 15,1-29 und autobiographisch von Paulus in Galater 2,1-10 beschrieben wird. Auf dem Spiel stand nichts weniger als die Einheit der noch jungen Kirche.

Auch die frühchristliche Einheitsprobe ...

Das Apostelkonzil beschließt schließlich die Anerkennung der Heidentaufe. Gleichzeitig werden Zuständigkeitsbereiche festgelegt:

Aber auch von denen, die Ansehen genießen – was sie früher waren, kümmert mich nicht, Gott schaut nicht auf die Person – , auch von den Angesehenen wurde mir nichts auferlegt. Im Gegenteil, sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist wie dem Petrus für die Beschnittenen – denn Gott, der Petrus die Kraft zum Aposteldienst unter den Beschnittenen gegeben hat, gab sie mir zum Dienst unter den Völkern – und sie erkannten die Gnade, die mir verliehen ist. Deshalb gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als die Säulen Ansehen genießen, mir und Barnabas die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft: Wir sollten zu den Heiden gehen, sie zu den Beschnittenen. Galater 2,6-9

Paulus verkündet von nun an das Evangelium unter den Heiden, Petrus bei den Juden. Gleichzeitig aber wird ein Zeichen der Einheit vereinbart:

Nur sollten wir an die Armen denken; und das zu tun, habe ich mich eifrig bemüht. Galater 2,10

Dahinter verbirgt sich eine Kollekte, die Paulus in den von ihm gegründeten Gemeinden für die Jerusalemer Urgemeinde sammeln sollte. Aus verschiedenen seiner Briefe – man denke nur an 2 Korinther 8-9 – ist bekannt, mit welcher Verve er sich um dieses Kollektenwerk gekümmert hat. Es stand ja nicht mehr auf dem Spiel als die Einheit der Kirche selbst. Und doch bleiben auch bei ihm wohl letzte Zweifel, ob die Jerusalemer die heidnische Spende als Zeichen der Einheit annehmen werden. Wohl nicht ohne Grund bittet er im Römerbrief:

Ich bitte euch aber, Brüder und Schwestern, bei unserem Herrn Jesus Christus und bei der Liebe des Geistes: Kämpft mit mir in den Gebeten für mich vor Gott, dass ich vor den Ungehorsamen in Judäa gerettet werde, dass mein Dienst an Jerusalem von den Heiligen dankbar aufgenommen wird. Römer 15,30-31

... scheitert bereits im Ansatz

Seine Zweifel sind wohl begründet. Schließlich unterläuft Petrus schon kurz nach dem Apostelkonzil die getroffene Vereinbarung der Anerkennung der Heidentaufe, als er in Antiochien die Mahlgemeinschaft mit den Heiden aufkündigt, als die Leute das Jakobus kommen. Und auch Paulus muss sich in den galatischen Gemeinden offenkundig mit Gegnern seiner Heidenmission auseinandersetzen. Emphatisch ruft er den Galatern deshalb zu:

Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet. Es gibt kein anderes Evangelium, es gibt nur einige Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen. Jedoch, auch wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten als das, das wir verkündet haben – er sei verflucht. Was ich gesagt habe, das sage ich noch einmal: Wer euch ein anderes Evangelium verkündet im Widerspruch zu dem, das wir verkündet haben – er sei verflucht. Galater 1,6-9

Anathem

Hier findet sich also bereits das Anathem (griechisch: ἀνάθεμα – gesprochen: anáthema), die Verfluchung derer, die nicht die Wahrheit, hier das wahre Evangelium, verkünden. Die Spaltung der Kirche beginnt schon hier, an ihrer Wurzel. Das Ringen um die Wahrheit, den „echten“ Ritus, die rechtliche Ausformung (Heiden oder Juden), sie beginnen bereits, als das Blut des Gekreuzigten gerade vergossen war und der Auferstandene sich offenbart hatte. Später, in den ökumenischen Konzilien von Nicäa, Konstantinopel, Ephesus und Chalcedon wird man es aufgreifen, wenn die Linien zwischen wahrem und falschem Glauben gezogen werden. Das Anathem wird so zum Identitätsmarker, der auch in den folgenden Konzilien immer wieder herangezogen wird.

Gott ist ein Kind mit einem grossen Ameisenhaufen Constantin

Wider die Uniformität

Die Jünger Jesu mussten früh lernen, dass die Wahrheit viele Strahlen hat. Sie haben es bis heute wohl nicht ganz begriffen, wie man mit den verschiedenen Interpretationen der Wahrheit leben kann und muss. Einheit wird immer wieder mit Uniformität verwechselt. Dabei gibt es gerade in den zentralen Streitfragen, die alleine die römisch-katholische Kirche von den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen trennen – von den orthodoxen und anderen Kirchen ganz zu schweigen, so eklatante Unterschiede, dass eine oberflächliche Einheit hier wirklich nur als billiges Deckmäntelchen herhalten kann. Alleine die Frage um die Theologie des Amtes ist hoch brisant: Bedarf es für die Feier etwa der Eucharistie eines geweihten Repräsentanten Christi, der in der apostolischen Sukzession steht, oder nicht? Wenn römisch-katholische Christen „offiziell“ zu einem evangelischen Abendmahl gehen könnten, warum dürften dann nicht Pastoralreferentinnen und Gemeindereferenten der Feier vorstehen, denn rein theologisch entsprechen aus römisch-katholischer Sicht evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer genau dem Status römisch-katholischer laienpastoraler Dienste. Gleichwohl begründet dieses Selbstverständnis, das seine Begründung im allgemeinen Priestertum findet (vgl. 1 Petrus 2,5) die Identität der evangelischen Kirchen. Hier wie dort gibt es gute Gründe für die eigene Sichtweise, Gründe die nicht zusammenpassen können. Es sind zwei Interpretationen der einen Wahrheit, die wohl erst im Angesicht Gottes vollends offenbar werden wird. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Erkenntnis, dass die Wahrheit dann doch noch ganz anders ist, die christlichen Wahrheitsstreiter erstaunen wird.

Wie Geschwister

Die Rede von den Geschwistern im Glauben birgt eine tiefe Weisheit. Es sind ja nicht selten die Geschwister, die sich um das Erbe streiten und nicht selten völlig entzweien. Aber auch, wenn sie in Frieden den Nachlass der Erblasser regeln – meist wohnen sie nicht mehr unter einem Dach. Sie kommen zusammen, feiern, essen und reden miteinander, bevor dann doch jede und jeder wieder der eigenen Wege geht, in das eigene Haus, vielleicht sogar in eine andere Stadt – und doch bleiben sie auch in der Ferne Brüder und Schwestern, die im eigenen Haus einen eigenen Stil pflegen. Es wäre schon sehr viel gewonnen, wenn das gegenseitige Verurteilen aufhören würde – und es hat ja, Gott sei Dank!, zu einem großen Teil schon aufgehört. Geschwister können, müssen aber keine Freunde sein!

Vorbildhaft könnte hier die Reaktion Jesu sein, wie sie im Markusevangelium überliefert ist:

Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen eine Machttat vollbringt, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Markus 9,38-40

Das Erste und Entscheidende ist, in welchem Namen das Evangelium verkündet wird. Es ist gerade das Wort Gottes, das über alle konfessionellen Grenzen hinweg die Christen eint. Wäre das nicht ein wahrhaft ökumenischer Beginn, wenn sich die Christen auf dieses gemeinsame Fundament besännen? Solange man eine Einheit im Unmöglichen ersehnt, wird die Enttäuschung groß sein, denn da sind immer Identitäten im Weg. Das Wort Gottes aber steht über allem und allen. Es ist ja dieses Wort, das Fleisch wird – vielgestaltig und strahlend. Wer über die Wahrheit dieses Wortes streitet, ringt gemeinsam um die Wahrheit. Nein, es ist nicht zu begreifen, warum manche einen Gottesdienst des Wortes als zu wenig empfinden und nur das Abendmahl im Blick haben. „Nur“ das Wort Gottes? Das Wort Gottes ist alles, es ist die Wahrheit, es ist der Weg und das Leben! Wenn ihr Ökumene wollt, fangt hier an – jetzt! Sucht die Wahrheit, streitet endlich! Ihr habt euch schließlich ein Jahr lang ausgeruht!

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Bildnachweis

Titelbild: Gemeindeversammlung im Piranhabecken (Werner Kleine) – lizenziert als CC BY-SA 3.0.

Bild 1: Playmobilluther (mrapsch) – Quelle: pixabay – lizenziert als CC0.

Bild 2: Petrus und paulus – Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei.

Einzelnachweis   [ + ]

1. So etwa Alexander Grau, Planschen im lauwarmen Wasser des Zeitgeistes, in: Cicero online, 29.10.2017, Quelle: http://cicero.de/kultur/reformationstag-planschen-im-lauwarmen-wasser-des-zeitgeistes [Stand: 29. Oktober 2017].
2. Heinrich Bedford-Strohm/Reinhard Marx, Es gibt was zu feiern, in: Zeit online, 25.10.2017, Quelle: http://www.zeit.de/2017/44/oekumene-reformationstag-katholiken-protestanten-einheit/komplettansicht [Stand: 29. Oktober 2017].
3. Vgl. Klaus Pfeffer, Facebook-Posting vom 29.10.2017, Quelle: https://www.facebook.com/klaus.pfeffer.948/posts/743166492536245 [Stand 29. Oktober 2017].
4. Vgl. hierzu katholisch.de, Der 31. Oktober als Feiertag? Bischof Heße skeptisch, 20.10.2017, Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/der-31-oktober-als-feiertag-bischof-hee-skeptisch [Stand: 29. Oktober 2017].
5. Vgl. hierzu auch Rainer Maria Woelki, Einheit in der Ökumene, in Herder Korrespondenz 10/2017, online unter https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/71-jahrgang-2017/heft-10-2017/das-verhaeltnis-von-katholiken-und-lutheranern-im-reformationsjahr-ehrlichkeit-in-der-oekumene [Stand: 29. Oktober 2017].
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