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Ethica·Res publica

Wann kommt die Moral? Neutestamentliche Einwürfe zu skandalösen Entdeckungen in der Bundeswehr


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Mentalität ist wirksamer als Material. Diese Erkenntnis gewinnen nicht nur die Jünger Albert Uderzos, der am 25. April 2017 das 90. Lebensjahr vollendete. Er erschuf die Figur Asterix, den Gallier, der sich gemeinsam mit seinem Freund Obelix Horden römischer Soldaten entgegenstellt und so dafür sorgt, dass eben nicht ganz Gallien besiegt wird. Unterstützt wird er dabei von dem Zaubertrank des Druiden Miraculix, vor allem aber durch den Zusammenhalt der streitbaren Dorfgemeinschaft, die unter der Führung des Häuptlings Majestix allen Unkenrufen zum Trotz immer dann zusammensteht, wenn es darauf ankommt. Nicht umsonst nennen die arabischen Übersetzer den Oberen des gallischen Dorfes daher شاطركس (gesprochen: schateriks). Der Name leitet sich vom arabisch شاطر (gesprochen: schater) ab, das „tüchtig“ bedeutet. Nur der wahrhaft Tüchtige kann den Zusammenhalt einer streitbaren Gesellschaft gerade in Zeiten der Krise gewährleisten.

Haltungsfragen ...

Die Bedeutung mentaler Stärke wird auch andernorts immer wieder beschworen. Im Sport etwa macht mentale Stärke oft den Unterschied aus, wenn es um Sieg oder Niederlage geht. Selbst die von der Spielstärke her eigentlich Unterlegenen können diesen Nachteil durch inneren Willen und mentale Haltung wettmachen und nicht selten den Sieg davontragen. Der Volksmund spricht dann oft davon, dass die Haltung einer Mannschaft gestimmt hat. Sie hat dann „Moral“ bewiesen.

Moral, Tüchtigkeit, Haltung – alle das sind Tugenden, die das Zusammenleben einer Gesellschaft stärken können. Wo nicht jeder nur an sein eigenes Wohl und Wollen denkt, sondern auch an das Gemeinwohl, können beide Teile, der Einzelne wie die Gemeinschaft aneinander und miteinander wachsen.

Nun lässt die Komplexität der Gesellschaft nur bedingt auf eine Selbstregulierung des Miteinanders hoffen. Wo die Gesellschaft in sich in Teile gespalten ist, wird Moral bestenfalls zum Vorwurf an die anderen. Die Korruption der Tugenden ist dann nicht mehr fern.

... sind auch eine Frage der Führung

Eben jene Korruption der Tugenden scheint zu befürchten zu stehen, wenn man auf die jüngsten Meldungen aus der Bundeswehr sieht. Man wird hier vorsichtig sein müssen, denn ein einzelner Vorfall sagt noch nichts über den gesamten Zustand der Truppe aus. Nichtsdestotrotz lassen manche Meldungen doch aufhorchen – so etwa die Nachricht über Ermittlungen wegen gewalttätiger Rituale unter Elitesoldaten in der Kaserne Pfullendorf vom Anfang des Jahres 20171), in deren Zusammenhang Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen von „widerwärtigen Vorgängen“2) sprach.

Ende April 2017 machte dann die Verhaftung von Oberleutnant Franco A. von sich reden, der sich als syrischer Flüchtling ausgegeben hatte und mutmaßlich einen Anschlag aus rechtsextremer Gesinnung plante3). Gerade dieser Vorgang kann wohl als Schwellenereignis begriffen werden, denn Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen stellte nicht nur die Haltungsfrage und konstatierte der Bundeswehr ein Führungsproblem; sie sagte auch,

„die Wehrmacht dürfe ‚in keiner Form traditionsstiftend für die Bundeswehr’ sein.“4)

Verteidigung mit Bumerang

Wenn eine Verteidigungsministerin der ihr unterstellten Truppe ein Haltungsdefizit und Führungsschwäche attestiert, dann lässt die Kritik nicht lange auf sich warten – schon gar nicht aus den eigenen Reihen. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat etwa attestiert der Verteidigungsministerin trotz ihrer mittlerweile erfolgten Klarstellung und Entschuldigung bezüglich ihrer Aussagen5), sie stehe neben den Streitkräften:

„Bei Frau von der Leyen hat man den Eindruck, dass sie die Bundeswehr vor allem für ihr weiteres Fortkommen nutzt.“6)

Gleichwohl stellt er fest, dass sich die Streitkräfte nach wie vor in einer beklagenswerten Lage befänden, sowohl personell als auch materiell7).

Das materielle Problem wird so in den Vordergrund gestellt und zum Ausgangspunkt einer faktisch nicht geleugneten personell prekären Lage gemacht. Man mag das Vorgehen von Ursula von der Leyen tatsächlich als schwierig betrachten, was die innere Kommunikation angeht. Aber selbst der Kritiker Kujat erkennt ein Problem in der Truppe. Und das geht offenkundig doch weit über die Klage über schlechtes Material und zu wenig gelobtes Personal hinaus. Tatsächlich machten am 7. Mai 2017 Meldungen die Runde, nach denen sich der Skandal um rechtsextreme Umtriebe in der Bundeswehr ausweitet; Ermittler hatten in einer Kaserne in Donaueschingen einen mit Wehrmachtsdevotionalien geschmückten Raum entdeckt8).

... und wann kommt die Moral?

Das Problem greift also viel tiefer als die Klage über schlechtes Material oder zu wenig Lob. Es gibt tatsächlich ein Moralproblem. Und wo Moral und Mentalität nicht stimmen, schwächt sich jede Mannschaft von vorneherein selbst. Denn wo eine Verunreinigung des Geistes wirksam ist, hilft auch keine Dämonenbeschwörung mehr. Im Gegenteil: Jesus warnt geradezu im Lukasevangelium vor einer oberflächlichen, eben kosmetischen Vorgehensweise:

Wenn ein unreiner Geist aus dem Menschen ausfährt, durchwandert er wasserlose Gegenden, um eine Ruhestätte zu suchen, findet aber keine. Dann sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, dass ich verlassen habe. Und er kommt und findet es geschmückt. Dann geht er und hol sieben andere Geister, die noch schlimmer sind als er selbst. Sie ziehen dort ein und lassen sich nieder. Und die letzten Dinge jenes Menschen werden schlimmer sein als die ersten. Lukas 11,24-269)

Jesus wendet sich mit dieser dezidiert exorzismuskritischen Aussage gegen seine Gegner, die ihm unterstellen, die von ihm bewirkten Dämonenaustreibungen seien ein Zeichen, er sei mit Beelzebul im Bunde (vgl. Lukas 11,14-23). Im Zuge dieser Auseinandersetzungen stellt Jesus fest:

Solange ein bewaffneter starker Mann seinen Hof bewacht, ist sein Besitz sicher; wenn nun aber ein Stärkerer angreift und besiegt, dann nimmt ihm der Stärkere seine ganze Rüstung, auf die er sich verlassen hat, und verteilt seine Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. Lukas 11,21-23

Es ist also nicht die Materialstärke, die den Unterschied macht, sondern die innere, die mentale Stärke, die Moral.

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Widerstand ist nie zwecklos! Aber Widerstand bedeutet Pionierarbeit.

Heilende Selbsterkenntnis

Solange die Diskussion um Haltungsfragen und Schuldzuweisungen kreist, wird nicht nur keine Lösung in Sicht sein; die innere Zerstrittenheit schwächt zusätzlich die Motivation. Das gilt für jede gesellschaftliche Gruppierung. Wie aber kann ein Ausweg aus der Krise gefunden werden, ohne den sich der Krebs moralischer Devianz nur noch weiter ausbreiten wird.

Der erste Schritt wäre es – wie so häufig – nicht nur mit dem Finger auf den bzw. die jeweils andere und anderen zu zeigen, sondern selbstkritisch zu fragen – so, wie es die Soldaten am Jordan bei Johannes dem Täufer tun. Seine Umkehrpredigt ist zugleich Verheißung. Lukas lässt ihn Jesaja zitieren:

Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt und jeder Berg und Hügel abgetragen werden. Was krumm ist, soll gerade, was uneben ist, soll zu ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen. Lukas 3,4-6/Jesaja 40,3-5

Johannes der Täufer ruft hier geradezu zu einer Arbeit auf, die der von Pionieren gleicht: Wege sollen begehbar gemacht werden. Im Kampf für das Reich Gottes braucht es eine gute Ausgangsbasis, damit alle das Heil Gottes schauen können; und „alle“ (πᾶσα, gesprochen: pâsa) meint „alle“.

Johannes ruft deshalb zu Umkehr und Selbsterkenntnis. Jede und jeder muss bei sich anfangen, seine Haltung und sein Handeln prüfen, denn im Handeln zeigt sich die Haltung; und ohne Handeln nützt die beste Haltung nichts. Deshalb mahnt er:

Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr zeigen, und fangt nicht an, bei euch zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Lukas 3,8-9

Pionierarbeit ist hart

Es wundert nicht, dass sich bei Lukas angesichts der Pionierrhetorik des Jesajazitates vor allem auch Soldaten von Johannes dem Täufer angesprochen fühlen:

Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Lukas 3,14a

Es ist bemerkenswert, dass Lukas hier nicht das Wort στρατιώτης (gesprochen: stratiótes) für „Soldat“ benutzt, sondern das Partizip Medium στρατευόμενοι (gesprochen: strateuómenoi), das von dem Verb στρατεύειν (gesprochen: strateúein) stammt. Dieses Verb trägt spezifisch die Bedeutung des „Kriegsdienst tun“ in sich. Es geht um die konkrete Ausübung des Kriegsdienstes. Mit der Verwendung dieses Partizips steht daher nicht nur der Soldat in seiner Ordnung schaffenden Funktion im Vordergrund, sondern in der kriegführenden, die die Tötung des Gegners einschließt. Erst unter diesem Aspekt wird deutlich, wie drastisch die Antwort des Johannes auf die Frage der Soldaten tatsächlich ist:

Und er sagte zu ihnen: Misshandelt niemanden, erpresst niemanden, begnügt euch mit eurem Sold! Lukas 3,14b

Diese Antwort Johannes’ des Täufers impliziert nicht weniger als die Aufforderung an die Soldaten zu einer moralischen Haltung. Er wendet sich nicht gegen ihr kriegerisches Handwerk; wie könnte er das auch angesichts der Tatsache, dass das Land Israel besetzt ist, tun. Er weiß, dass zu diesem Handwerk auch die Tötung gehört. Er sagt nichts dazu, wie er das bewertet. Alles aber, was über das Notwendige dieses Handwerkes hinausgeht, mahnt er an: Niemanden misshandeln und erpressen; sich mit dem Sold begnügen! Die Waffenträger dürfen ihr blutiges Handwerk nicht zum eigenen Vorteil nutzen. Denn das korrumpiert die Moral und entmenschlicht die Kriegsdiener.

Wurzelbehandlung

Auch wenn man die Gefahr unzulässiger Verallgemeinerungen in Rechnung stellt, so scheint sich in der gegenwärtigen Entwicklung der Bundeswehr eine Befürchtung zu bestätigen, die manch einen bei der Abschaffung der Wehrpflicht im Jahr 2011 beschlichen hat. Die Wehrpflicht garantierte trotz aller Eingriffe in die Lebensplanung junger Menschen doch, dass die Bundeswehr kein Staat im Staate war, sondern ein integraler Bestandteil der Gesellschaft, dienten doch die Söhne (und zunehmend auch die Töchter) der Bürgerinnen und Bürger in der Truppe. Die Gesellschaft bekam einfach viel direkter mit, was da lief in den Kasernen bei den Staatsbürgerinnen und –bürgern in Uniform. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht ist dieser Einfluss geschwunden, die Gefahr einer Abschottung der Truppe nach außen ist größer geworden. Auch wenn es sich nur um Einzelfälle handeln mag, was sich im Übrigen noch zeigen wird, die Frage nach der Moral der Truppe liegt unübersehbar auf dem Tisch.

„There is an elephant in the room“

– sagt ein englisches Sprichwort in solchen Situationen. Das Problem ist – Einzelfall hin, Einzelfall her – unübersehbar. Es helfen offenkundig keine kosmetischen Eingriffe mehr; es bedarf einer tüchtigen Wurzelbehandlung. Offenkundig hat die Bundeswehr mehr als nur ein Führungsproblem; sie ist in der Gefahr, den Rückhalt in der Gesellschaft, ihre Verwurzelung in der Gemeinschaft, die sie eigentlich verteidigen soll, zu verlieren. Die Bundeswehr ist kein Selbstzweck. Die bürgerliche Gesellschaft sollte wieder stärker ein Auge auf diese Truppe haben, die mehr als ein Materialproblem hat. Die Folgen wären sonst unabsehbar.

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Bildnachweis

Titelbild: frag ich sie? (Oliver) – Quelle: flickr.com – lizenziert als CC BY-NC 2.0 generic.

Bild 1: „Ja-Sager und Nein-Sager“ (Werner Kleine) – Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

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