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Exegetica

Selbstliebe als biblische Botschaft? Gegen Simplifizierung und für den biblischen Text


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Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat versucht, die Bibel auf einem Bierdeckel zusammenzufassen: „Liebe Gott. Liebe Dich selbst. Liebe die Anderen.“1) Auch wenn sich hinter jeder Aussage ein Schlusspunkt befindet, sind die Sätze doch als Handlungsaufforderungen formuliert, die ein Kondensat der Bibel darstellen sollen. Angelehnt sind diese drei Imperative an Matthäus 22,34-40:

Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten. Matthäus 22,34-40

Auf die Frage eines Gesetzeslehrers hebt Jesus zwei Gebote hervor, die das Gesetz und die Propheten – gemeint ist das Alte Testament insgesamt – zusammenfassen. Aus zwei Geboten sind somit auf dem Bierdeckel drei Aufforderungen geworden. Und das, obwohl ein Bierdeckel doch eigentlich wenig Platz bietet. Aber sein Aufdruck verschwindet nur allzu schnell unter dem Bier und wird höchstens verschwommen durch das Glas wahrgenommen. Ebenso verschwimmt der biblische Text, wenn er durch eine schlagwortartige Zusammenfassung ersetzt wird. Wenn man schon zur Diskussion über die Bibel anregen will, dann sollte man auch bei der Bibel ansetzen und nicht bei Verallgemeinerungen. Denn die Bibel bietet den eigentlich interessanten Text, der hinter dem Aspekt der Selbstliebe nicht einfach einen Punkt oder ein Ausrufezeichen setzt.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Matthäus 22,39

Hier findet sich keine Aufforderung zu Selbstliebe, sondern die Nächstenliebe wird durch die Selbstliebe begründet. Der Aufforderung zur Nächstenliebe folgt ein Vergleich mit der Selbstliebe, die im Alten Testament kein Hauptmerkmal des Glaubens ist. Wenn überhaupt spielt sie eine untergeordnete Rolle und die Bibelstelle, auf die Jesus sich im Matthäusevangelium bezieht, Lev 19,18, ist bedeutungsoffen.

Selbstliebe

Ganz unbekannt ist dem Alten Testament das Konzept der Selbstliebe nicht:

Wer Verstand erwirbt, liebt sich selbst, wer Einsicht bewahrt, findet sein Glück. Sprichwörter 19,8

Wörtlich übersetzt heißt es im ersten Teil dieses Verses: „Der, der ein Herz erwirbt, der liebt sein Leben […]“. Das Herz steht in der Körpermetaphorik des Alten Testament für den Verstand, den ein Mensch nicht einfach besitzt, sondern den er sich erwirbt bei der Suche nach Weisheit. Gemäß Sprichwörter 15,32 erwirbt man sich Verstand, indem man auf die Ermahnung Anderer hört. Weisheit erlangt man nicht durch sich selbst, sondern durch einen Anderen. Wer die Weisheit Anderer anerkennt und sich in diesem Sinne positiv unterwirft, indem er lernt, liebt sein Leben. Das Leben zu lieben bedeutet, ein gutes Leben in Weisheit zu führen. Die Selbstliebe ist im Buch der Sprichwörter nicht selbstbezogen, sondern sie ist eine Folge aus der Lehre, die der Mensch nicht besitzt, sondern sucht. „Liebe dich selbst“ bedeutet somit: Erwirb Verstand, suche Weisheit!

Nächstenliebe

Auch in der Jesus zugeschriebenen Aussage im Matthäusevangelium ist Selbstliebe kein Selbstzweck. Sie ist der Vergleichspunkt für die Nächstenliebe. Aber es ist fraglich, ob die Bibelstelle, auf die der Autor des Matthäusevangeliums sich hier bezieht, in diesem Sinne zu verstehen ist. Das Gebot der Nächstenliebe findet sich im Buch Levitikus und wird gemeinhin folgendermaßen übersetzt:

Du sollst nicht Rache üben, noch Groll behalten gegen die Kinder deines Volkes, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Ich bin der HERR. Levitikus 19,18

Der erste Teil des Satzes ist noch leicht verständlich. Ein Israelit soll weder Rache üben, noch Groll in seinem Herzen tragen gegenüber einem Volksgenossen. Aber der folgende Satzteil stellt den Leser im Hebräischen vor mehrere Herausforderungen bzw. Fragezeichen.

1.) Wie schließt sich der zweite Satzteil an den ersten an? In der Einheitsübersetzung ist ein adversativer Anschluss gegeben: „sondern“. Die beiden Vershälften werden einander gegenübergestellt. Im Hebräischen steht hier der Buchstabe Waw, der vor einem Wort als Konjunktion verwendet wird. Die Grundbedeutung ist „und“, aber es kann ebenso auch eine modale Bedeutung haben („auf diese Weise“) oder konsekutiv verstanden werden („sodass“). Somit ist es möglich, die Aufforderung zur Nächstenliebe als Einzelgebot zu verstehen, oder als Explikation, was es bedeutet, sich nicht an einem anderen Israeliten zu rächen noch ihm zu grollen.

2.) Was bedeutet lieben? Die Konstruktion im Hebräischen zusammen mit der Präposition ל (gesprochen le), verdeutlicht, dass es sich um eine Solidarität und Loyalität handelt, die sich in praktischer Zuwendung äußern soll. Es geht um eine Aufforderung zum Handeln, zum Liebeserweis.

3.) Wie hängt die Selbstliebe mit der Nächstenliebe zusammen? Redet der Text überhaupt von Selbstliebe? Im Hebräischen schließt sich an die Aufforderung zum Liebeserweis gegenüber dem Nächsten nur noch ein Wort an: כמוך (gesprochen: kamocha), ein Vergleichspartikel mit einem unselbständigen Personalpronomen. Dieses Wort bedeutet wörtlich „wie dich/dir“ und kann verschieden interpretiert werden. a.) „wie dich selbst“: die Rezeption im Matthäusevangelium legt eine reflexive Bedeutung nahe. b.)der dir gleich ist“: wenn man das Wort nicht auf das Verb, sondern auf das direkt davorstehende Wort „deinen Nächsten“ bezieht, liegt der Vergleichspunkt nicht in dem Liebeserweis, sondern darin, dass der Nächste ebenso wie der Angesprochene ein Israelit bzw. ein Mensch ist, dem die gleichen Rechte zustehen. c.)wie dir“ bzw. „wie (man) dir (Liebe erweist)“. In diesem Falle ist die für sich selbst erhoffte Liebe der Vergleichspunkt für die Nächstenliebe.

Alle verschiedenen Antworten auf diese drei Fragen sind möglich. Es zeigt sich: Umso genauer man hinsieht, umso komplizierter wird es. Diese Fragen passen nicht einfach auf einen Bierdeckel, doch ihre Sinndimensionen lassen sich gut bei einem Bier diskutieren. Anstelle einer Verkürzung ist eine dialogische Vertiefung sinnvoll. Die Bibel ist, wenn darüber nicht diskutiert wird, nur tote Buchstaben. Wenn man sie verkürzt und eindampft, dann ist sie nur Schall und Rauch. Aber eigentlich laden die Bibeltexte zur Diskussion ein und fordern den Leser zur eigenen Stellungnahme heraus: Was will der Bibeltext mir sagen? Das ist keine rein spirituelle Frage, sondern der Anfang der Bibellektüre auf der Suche nach den Weisheiten der Heiligen Schrift. Verschiedene Argumente müssen diskutiert und abgewogen werden. Ein Ausleger ist auch nur ein Leser und er muss sein Verständnis begründen und zur Diskussion stellen – im Idealfall eröffnet dies neue Perspektiven.

Mögliche Auslegungen

Man kann argumentieren, dass die beiden Vershälften von Lev 19,18 nicht gleichwertig sind. Wenn man den hebräischen Text betrachtet, kann man feststellen, dass verschiedene Zeitformen verwendet werden. Die Aufforderungen, keine Rache auszuüben und keinen Groll zu hegen, sind mit verneinten Futurformen formuliert, die als Befehlformen gelesen werden können: „Du sollst nicht …“. Die Aufforderung zur Nächstenliebe ist hingegen mit einem Folgetempus formuliert. Dies bedeutet, dass diese Aufforderung zeitlich den vorherigen Aufforderungen nachgeordnet ist. Daher ist es naheliegend, die Nächstenliebe als Konsequenz zu verstehen, die daraus folgt, wenn man nicht nach Rache sinnt und keinen Groll hegt:

Du sollst nicht Rache üben, noch Groll behalten gegen die Kinder deines Volkes, sodass du deinen Nächsten liebst […]. Levitikus 19,18

Wenn man Böses nicht mit Bösem zurückzahlt und nicht nachtragend ist, wandelt man sich zu einer Person, die Böses vergibt und dem Anderen mit Gutem begegnet. Dies ist eine mögliche Definition von Nächstenliebe. So betrachtet wäre im Hintergrund schon die Feindesliebe angedeutet. Für eine solche Forderung bedarf es einer überzeugenden Begründung. Leider ist die Begründung nicht eindeutig formuliert. Aber alle möglichen Übersetzungen bieten gute Gründe zur Nächstenliebe. Vielleicht ist diese Vieldeutigkeit im Bibeltext gewollt und es werden dadurch mehrere Begründungen gegeben. Wenn man die Nächstenliebe mit der Liebe zu sich selbst vergleicht und diese Liebe als eine tuende Liebe versteht, dann kann sich daraus die ethische Forderung ergeben, den Nächsten nur so zu behandeln, wie man selbst auch behandelt werden möchte oder wie man sich selbst behandelt:

Du sollst nicht Rache üben, noch Groll behalten gegen die Kinder deines Volkes, sodass du deinen Nächsten liebst wie dich selbst (oder: wie man dir Liebe erweisen soll). Ich bin JHWH. Levitikus 19,18

Oder die Nächstenliebe wird durch die Würde des Nächsten begründet. Der Grundsatz der Gleichheit aller würde hier zur Nächstenliebe führen. Dazu passt auch, dass der Vers mit der Selbstvorstellungsformel Gottes abgeschlossen wird: „Ich bin JHWH“. Da JHWH der Gott sowohl des einen und des anderen ist, sind somit beide Personen, sowohl Ich als auch der Nächste gleich und haben somit die gleichen Rechte und Pflichten.

Du sollst nicht Rache üben, noch Groll behalten gegen die Kinder deines Volkes, sodass du deinen Nächsten liebst, der dir gleich ist (oder: Er ist wie du). Ich bin JHWH. Levitikus 19,18

Einladung zur Diskussion

In keiner der Übersetzungsmöglichkeiten von Levitikus 19,18 findet sich eine Aufforderung zur Selbstliebe. Wenn überhaupt, dann ist die Selbstliebe der Beweggrund zur Nächstenliebe. Im Endeffekt fordert der Bibeltext den Leser und die Leserin zur Nächstenliebe auf und zwingt zur Diskussion über die Begründung für dieses Handeln – gerne auch bei einem Bier und der Bibel auf der Theke.


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Bildnachweis

Titelbild: „Bierdeckel“, fotografiert von BRRT. Lizenz: gemeinfrei. Text eingefügt von Till Magnus Steiner

Einzelnachweis   [ + ]

1. www.Bibel-auf-Bierdeckel.de
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2 Replies

  1. Ich habe den Unsinn des angeblichen DREIFACHGEBOTES der Liebe auch schon im katholischen Gottesdienst gehört:

    „1.Liebe Gott. 2.Liebe dich selbst. 3.Liebe deinen Nächsten.“

    Der Fehler liegt bei Nr.2, denn es ist biblisch kein Gebot der Selbstliebe verkündet!

    Sondern es gibt statt des angeblichen Dreifachgebotes biblisch nur ein vom Herrn selbst unterstrichenes DOPPELGEBOT der Liebe:

    „1.Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen, ganzer Seele u.s.w.
    2.Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

    In dieser Nr.2 wird nämlich die Selbstliebe als normalerweise vorgegeben vorausgesetzt.
    Für diese braucht es kein Gebot, sie ist eh vorhandenen.

    Sollte das nicht der Fall sein, so liegt eine pathologische Erkrankung vor, die nach Möglichkeit behandelt und geheilt werden sollte, aber nicht durch ein Gebot herbeigeführt werden kann.

    Anders die Nächstenliebe, die ebenso wie die Liebe zu Gott nicht ohne weiteres selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, sondern eines Gebotes bedarf.

    Wie Christus ja richtig sagt:
    „An diesen ZWEI [nicht: 3!] Geboten hängen das ganze [Thora-]Gesetz (z.B. die 10 Gebote) und die Propheten.

    Wie kann man da nur kirchlicherseits solchen Unsinn von angeblich drei Liebesgeboten in die Welt setzen?

    • Vielleicht ist das nur eine Theorie des Schrifterstellers.

      Ich gebe dir aber recht es bleibt bei zwei Punkten. Liebe deinen nächsten wie dich selbst, bedeutet für mich: wenn ich mich selbst liebe, muss ich meinen nächsten genauso lieben. gleichso, damit ich mich über keinen erhebe.

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