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conditio humana

Kein Mensch muss einsam sein Oder: Mit dem Alten Testament gegen die Einsamkeit


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Das britische Rote Kreuz bezeichnet Einsamkeit als eine „Epidemie im Verborgenen“1). Sie ist nicht nur ein Gefühl, sondern sie kann chronisch und krankhaft werden. „Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen”, erklärt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.2) Das unfreiwillige Alleinsein betrifft nicht nur Rentner und Pflegebedürftige, sondern es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen: 12% der deutschen Bevölkerung fühlen sich „häufig oder ständig“ einsam.3) Die britische Premierministerin Theresa May hat der Einsamkeit als „traurige Realität des modernen Lebens“4) den Kampf erklärt und daher eine Ministerin für/gegen Einsamkeit eingesetzt.

Nicht gut allein

Einsamkeit ist nicht erst seit der Moderne der bedrohliche Gefährte des Menschen. In der Schöpfung des Menschen betont das Buch Genesis bereits am Anfang, dass der Mensch ein homo socius ist:

Dann sprach Gott, der HERR: Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist. Genesis 2,18

Aus diesem Grund schuf Gott aus Adam Mann und Frau. Die Schöpfung Gottes wäre nicht gut, wenn sie in Einsamkeit enden würde. Der Mensch ist ein zur Geselligkeit geschaffenes und nach alttestamentlicher Sicht nur in ihr sein Glück findendes Wesen. Im Buch Kohelet wird gar vor einem übertriebenen Individualismus nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im Leben allgemein gewarnt (Kohelet 4,7-12).

Das in der Schöpfungsgeschichte verwendete Wort, das hier mit „allein sein“ übersetzt wird, ist לבד (gesprochen levad). Es bedeutet soviel wie „getrennt/abgetrennt“ und leitet sich vom Wort בד (gesprochen bad) ab, das ein vom Ganzen abgetrenntes Teilstück bezeichnet. Ohne soziales Umfeld ist der Mensch unvollständig.5) In den Klageliedern heißt es zwar als Ratschlag an den Mann, bzw. die Bewohner Jerusalems nach dessen Zerstörung:

Er sitze einsam und schweige, wenn der Herr es ihm auferlegt. Klagelieder 3,28

Die abverlangte Haltung zielt aber nicht auf die Duldung und Demut als die von dem Leidenden geforderte Verhaltensweise. Einsamkeit wird nicht als Leid, das ertragen werden muss, glorifiziert. Sondern der Text spricht eine Ermutigung aus, in demütiger Erwartung auf das sichere und nahe Ende der Einsamkeit durch Gottes Eingreifen zu harren (Klagelieder 3,31).

Du und ich

Die Psalmen bieten dem einsamen Menschen Hoffnung in der Anrede Gottes. Vollends alleine ist der Gläubige nie. Der Beter kann sich in der beklagten Einsamkeit an Gott wenden:

Wende dich mir zu und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und arm. Psalm 25,16

Einsamkeit bedeutet aus alttestamentlicher Perspektive immer Not, einen unheilen Zustand. Mit Gott kann diese Vereinzelung und Isolierung ertragen und überwunden werden. Geheilt wird Einsamkeit in der menschlichen Gesellschaft aber nur, wenn der theologische Grundsatz „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist“ gelebt wird. In der Weihnachtszeit war das Hashtag #keinertwittertalleine populär. Mit ihm fanden und verabredeten sich fremde Menschen, um in Gemeinschaft zu sein und sich gegen die Einsamkeit zu vereinen.6) Diese Aktion zeigt: Kein Mensch muss alleine leben. Diese theologische Schöpfungswahrheit ist eine Verheißung, deren Erfüllung in den Händen der Menschen liegt – sie ist ein pastoraler Auftrag.

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Bildnachweis

Titelbild: Einsamkeit, von PublicDomainPictures. Lizenz: gemeinfrei.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. „Einsamkeit wird Regierungssache“, tageschau.de, 17.01.2018 [Stand: 28. Januar 2018].
2. Vgl. „Einsam macht krank“, Philipp Jacobs, rp-online.de, 25.01.2018 [Stand: 28. Januar 2018]. Studien deuten darauf hin, dass durch Einsamkeit die Gefahr an Alzheimer, Fettleibigkeit, Diabetes, Bluthochdruck, Depressionen oder gar Krebs zu erkranken, wächst.
3. Vgl. „Einsam macht krank“, Philipp Jacobs, rp-online.de, 25.01.2018 [Stand: 28. Januar 2018].
4. Vgl. „Einsamkeit wird Regierungssache“, tageschau.de, 17.01.2018 [Stand: 28. Januar 2018].
5. Im Buch Jeremia ist die Aufforderung an den Propheten, alleine zu bleiben (Jeremia 16,1-9) kein asketisches Ideal, sondern eine Extremsituation, die das nahe Gericht Gottes anzeigt. Einsamkeit wird im Alten Testament nie gepriesen.
6. Vgl. „Christian hilft einsamen Menschen an Weihnachten – und die Reaktionen sind großartig!“, Hanna Zobel, bento, 23.12.2017 [Stand: 28. Januar 2018].
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