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Gerechtigkeit? Von Karl Marx zum Alten Testament: ein Aufruf!


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„Wehe denen, die Haus an Haus reihen und Feld an Feld fügen, bis kein Platz mehr da ist und ihr allein die Bewohner seid inmitten des Landes“, das ist kein Bonmot Karl Marx‘ gegen die kapitalistische Ausbeutung der Gesellschaft, sondern die Kritik eines biblischen Propheten (siehe Jesaja 5,8). Der Gerechtigkeitsbegriff des Alten Testaments, besonders der Prophetenbücher, ist eine wichtige Quelle für Karl Marx‘ Denken.1) Am 5. Mai vor 200 Jahren wurde er, der Theoretiker des Kommunismus, geboren, der „alle Verhältnisse umwerfen [wollte], in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“2). Nicht die Leistungen eines Menschen sollten seine Rechte konstituieren, sondern seine oder ihre Bedürfnisse.3) Aus den Theorien Karl Marx entwickelte sich jedoch ein Menschenbild, das zu sehr den Mensch als Gattung in den Fokus rückte, und die Individualität und Freiheit eines jeden Einzelnen aus dem Blick verlor. Aus christlicher Perspektive ist Karl Marx‘ Ruf nach sozialer Gerechtigkeit dennoch weiterhin zu würdigen als ein gewichtiges Echo der prophetischen Kritik.

Verurteilung, Vision und Kritik

Einer der größten Sozialkritiker der Bibel ist der Prophet Amos, dessen Theologie sich auch heute noch wie ein Manifest liest. So verurteilt er zum Beispiel Israel mit den Worten:

Weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen wegen eines Paars Sandalen, weil sie den Kopf des Geringen in den Staub treten und das Recht der Schwachen beugen. Amos 2,6-7

Der Prophet sieht, wie in seiner Gesellschaft die Schwachen ausgebeutet und die Armen zermalmt werden (Amos 4,1) und entwickelt als Gegenbild die Vision eines besseren Miteinander der Menschen:

… das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Amos 5,24

Gemäß dem Alten Testament ist Gerechtigkeit kein Abstraktum, sondern sie entsteht nur in der Beziehung zu einem Anderen. Das in Amos 5,24 mit „Gerechtigkeit“ übersetzte hebräische Wort צדקה (gesprochen: zedaka) bezeichnet in Bezug auf das Tun der Menschen ein gemeinschaftstreues Verhalten gegenüber dem Einzelnen. Die Grundlage hierfür sind im Buch Deuteronomium die Gesetze Gottes:

Nur dann werden wir vor Gott im Recht sein [צדקה, also: „in Gerechtigkeit sein“], wenn wir darauf achten, dieses ganze Gebot vor dem HERRN, unserem Gott, so zu halten, wie er es uns zur Pflicht gemacht hat. Deuteronomium 6,25

So ist Gerechtigkeit nicht nur ein anzustrebendes Ideal, sondern ein Auftrag, der für die Unterdrückten und Ausgebeuteten einen Rechtsanspruch darstellt. Das Recht dient der Gerechtigkeit und die Gerechtigkeit bedarf eines juridischen Standards. Doch beides ist wertlos, wenn Recht und Gerechtigkeit nicht von Menschen für Menschen aufgerichtet werden.

Wenn du beobachtest, dass in der Provinz die Armen ausgebeutet und Gericht und Gerechtigkeit nicht gewährt werden, dann wundere dich nicht über solche Vorgänge: Ein Mächtiger deckt den andern, hinter beiden stehen noch Mächtigere. Kohelet 5,7

Gerechtigkeit?

Das Ideal der Gerechtigkeit ist eine der wichtigen Stützen des gemeinschaftlichen Miteinanders. Aber was ist Gerechtigkeit? Im Marxismus hat sich die weltverbessernde Gerechtigkeit nicht realisiert. Der Aufruf zur Gerechtigkeit steht dem Christentum ins Stammbuch geschrieben. Aber was tun wir dagegen, damit kein Geschöpf und Ebenbild Gottes ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen in dieser Welt sein muss?


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Bildnachweis

Titelbild: Karl Marx – Easy Row Subway – Fletchers Walk – Birmingham, fotografiert von Elliott Brown. Lizenz: (CC BY-SA 2.0).

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. Heinz Monz, Gerechtigkeit bei Karl Marx und in der Hebräischen Bibel, Baden-Baden 1995, S. 13.
2. Karl Marx, “Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, in: Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976. S. 382.
3. Karl Marx habe gezeigt, „dass die Menschenrechte ohne materielle Teilhabe unvollständig bleiben“, so Kardinal Reinhard Marx (“Kardinal Marx würdigt Kommunist Marx“, Vatican News, 29.04.2018 [Stand: 30. April 2018]).
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