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Ethica·Oeconomia

Die Lüge und ihre Folgen Alttestamentliche Anmerkungen zum Abgasskandal


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Lügen und Manipulationen stehen im Zentrum des Abgasskandals. Zusammenfassen lässt sich die von der deutschen Autoindustrie selbst verursachten Krise durch den Hinweis auf einen amerikanischen VW-Werbespot aus dem Jahr 2015: Eine ältere Dame hält ihren weißen Schal an den Auspuff ihres gerade neu gekauften Volkswagens, um ihre Freundinnen davon zu überzeugen, dass die neuen Diesel-Motoren keine Dreckschleudern sind – der Schal bleibt weiß und folgender Slogan wird eingeblendet: „Volkswagen TDI Clean Diesel – like really clean diesel“1). Doch in Wahrheit wurden die Steuergeräte der Motoren so programmiert, dass die Schadstoffgrenzen (u.a. für Stickoxide) nur bei Labortests und nicht im alltäglichen Verkehr eingehalten wurden.2) Anstatt Verantwortung für den Abgasskandal zu übernehmen, verpflichteten sich nun die Autokonzerne auf dem Dieselgipfel mit der Bundesregierung nur darauf, den Schadstoffaustausch einiger verkauften Modelle durch eine neue Software zu „optimieren“. Anstatt dieser billigen und vermutlich nicht ausreichenden Lösung könnte der nachträgliche Einbau von Harnstoffsystemen und Stickstoffspeichern das Schadstoffproblem zwar auch nicht lösen, aber die Schadstofflimits könnten ohne Nachteile für die Autobesitzer erreicht werden. Stattdessen will die Autoindustrie lieber mit Prämien den Kauf neuer, sauberer Autos unterstützen und auf keinen Fall ihren belogenen Kunden kostenlos teure Motorumbauten anbieten.3) Aber Lügen sind nicht nur eine „wissentlich geäußerte Unwahrheit“4), sondern sie sind, wenn sie gemeinschaftswidrige Ziele verfolgen, die Zerstörung des Miteinanders von Menschen. Das Alte Testament beurteilt eine Lüge nicht vorrangig als Unwahrheit, sondern sie wird gemäß ihrer Folge beurteilt. So ist zum Beispiel ein lügender Held kein Widerspruch.

Wirkung und Folge

In 2 Könige 10,18-27 wird von einer Arglist Jehus erzählt. Elischa, der Propet, ließ Jehu zum König über das Nordreich Israel salben und beauftragte ihn, das alte Königshaus Ahabs zu stürzen und dessen Götzendiener umzubringen. Um den letztgenannten Auftrag zu erfüllen, bedient sich Jehu einer Lüge. Er gibt sich als großer Götzenverehrer aus und versammelt alle Götzendiener zu einem großen Schlachtopfer:

Jehu tat dies aus Hinterlist, weil er die Baalsdiener vernichten wollte. 2 Könige 10,19

Als alle versammelt waren, ließ er sie umbringen, zerstörte ihre Kultobjekte und ihren Tempel. Die Umsetzung dieses Auftrags durch Zuhilfenahme der Lüge wird von Gott nicht nur explizit gutgeheißen, sondern auch belohnt:

Der HERR sprach zu Jehu: Weil du mein Vorhaben genau vollstreckt und am Haus Ahab alles ausgeführt hast, was ich ihm zugedacht hatte, sollen Nachkommen von dir bis in das vierte Geschlecht auf dem Thron Israels sitzen. 2 Könige 10,30

Die Folgen der Lüge sind für die Götzendiener fatal. Aus der Perspektive Gottes bzw. dem gläubigen Leser dieser Geschichte dient die Lüge jedoch einem höheren Zweck und hat positiv zu beurteilende Folgen. Es gibt sie also, die sozusagen schuldlose Lüge.

Warnung

In den Zehn Geboten gibt es auch kein Verbot der Lüge. Dort heißt es nicht: „Du sollst nicht lügen“, sondern:

Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Exodus 20,16 vgl. Deuteronomium 5,20

Mit diesem grundlegenden Rechtssatz wird ein Verbot falscher Zeugenaussagen als Teil einer Anklage gegen einen Mitmenschen ausgesprochen (siehe auch Levitikus 5,1). Dies bedeutet jedoch nicht, dass allgemein gesprochen jedwede Lüge außerhalb der Rechtsprechung schuldlos bleibt. Markant verurteilt das Buch der Sprichwörter diejenigen, die lügen:

Ein Mund, der die Wahrheit spricht, hat für immer Bestand, eine lügnerische Zunge nur einen Augenblick. Sprichwörter 12,19

Im Zentrum dieses Sprichwortes stehen nicht Wahrheit und Lüge, sondern derjenige, der Wahrheit spricht und der Lügner. Derjenige, der zwischenmenschlich die Wahrheit bewahrt, ist zuverlässig. Derjenige hingegen, der lügt, hat keine Zukunft, da man mit ihm kein gemeinsames Leben aufbauen kann.

Lügnerische Lippen sind dem HERRN ein Gräuel, doch wer zuverlässig ist in seinem Tun, der gefällt ihm. Sprichwörter 12,22

Ehrlichkeit steht für Zuverlässigkeit. Die Lüge offenbart sich im Tun. Jehu hat zwar gelogen, aber in seinem Tun hat er sich gegenüber Gott als zuverlässig erwiesen. Sein Handeln hat positive Folgen. Er ist eben kein dauerhafter Lügner, sondern er hat die Lüge zur Umsetzung eines höheren Zwecks instrumentalisiert. Nicht jede Lüge ist schlecht, aber jede Lüge hat Folgen. Wenn aus der Lüge ein Lügner wird, wenn das Tun zum Sein wird, dann geraten die Folgen aus dem Blick.

Verantwortung

Abraham und Sarah lügen in Genesis 12 den Pharao an. Wegen einer Hungersnot nach Ägypten geflohen, befürchtete Abraham, dass der Pharao ihn wegen seiner schönen Frau, um sie sich selbst nehmen zu können, umbringen würde. Daher fordert er Sarah auf, die Ägypter anzulügen und sich als seine Schwester auszugeben. Als der Pharao sie als seine Frau zu sich nimmt, bestraft Gott ihn für den Raub der Ahnfrau.

Da rief der Pharao Abram und sagte: Was hast Du mir angetan? Warum hast Du mir nicht kundgetan, dass sie deine Frau ist? Genesis 12,18

Das vorrangige Problem ist nicht die Lüge, sondern die Folge der Lüge. Die Lüge Abrahams und Sarahs hat Unheil über den Pharao und sein Haus gebracht. Zwar ist eine Lüge ein sprachliches Phänomen, aber sie hat spür- und erfahrbare Folgen. Eine Lüge beschädigt das Miteinander unter Menschen und zerstört Vertrauen. Im Umkehrschluss ergibt sich daraus, dass man für eine Lüge Verantwortung übernehmen muss, damit aus der ausgesprochenen Lüge nicht lügnerische Lippen werden.

Die Folgen des Abgasskandals sind nicht nur ein verlorenes Vertrauen in die deutsche Autoindustrie, sondern durch den erhöhten Ausstoß von Schadstoffen wurde bewusst die Schädigung von Natur und Menschen in Kauf genommen. Erste Studien gehen davon aus, dass weltweit durch den Abgasskandal allein 4.6 Millionen Tonnen der für Menschen giftigen Stickoxide zusätzliche entstanden sind.5) Im Abgasskandal geht es nicht um die Zukunft der deutschen Autoindustrie und es geht auch nicht darum, durch eine neue Software die Lüge rückgängig zu machen. Eine Lüge kann nicht rückgängig gemacht werden. Eine Zukunft hat nur derjenige, der allumfassend Verantwortung für die Folgen seiner Lüge übernimmt.

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Einzelnachweis   [ + ]

1. Siehe den Werbespot als Youtube-Video hier: https://www.youtube.com/watch?v=WNS2nvkjARk
2. Vgl. das Live-Dossier „Der Abgasskandal“, ZEIT Online.
3. Vgl. dazu den Kommentar „Mit Abgas in den Abgrund“, Michail Hengestenberg, Spiegel Online, 03.08.2017 [Stand: 03. August 2017].
4. Siehe Duden.
5. Siehe „Mehr als 100.000 Tote jährlich durch Stickoxide“, Norbert Lossau, Welt.de, 15.05.2017 [Stand: 3. August 2018].
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2 Replies

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Steiner,

    bei der ganzen , auch berechtigten, Empörung über den Abgasskandal fällt mir spontan folgende Stelle ein:

    „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäus 7,3 EU)

    Dieselmotoren auf unseren Straßen sind nur ein Problem von vielen. Die Vorstellung, Elektromotoren wären umweltfreundlicher, ist falsch. Der Strom für diese Fahrzeuge muss erst mal erzeugt werden. Die sogenannten alternativen Energien reichen zum einen niemals aus, um den Bedarf zu decken. So könnte man zum einen das Thema ‚Grenzenlose Mobilität‘ diskutieren.

    Zum anderen wird es meiner Ansicht nach Zeit, sich der Tatsache zu stellen, dass es Möglichkeiten der Energiegewinnung gibt, die wesentlich umweltfreundlicher und vor allem kostengünstiger sind, als Sonnenenergie oder Windkraft. Alleine die Herstellung von Sonnenkollektoren verbraucht derart viel Energie und ist so ’schmutzig‘, dass diese Energieform derzeit in WAHRHEIT unter dem Strich keine saubere Alternative ist.

    Ingenieure und Techniker, die sich mit echten Alternativen befassen, leben gefährlich, denn der ‚Nachteil‘ ihrer Erfindungen ist: sie sind unschlagbar günstig und teilweise auch einfach. Befassen Sie sich mal mit dem Schicksal eines Nicolas Tesla! Er kam mit seiner freien Energie nicht zum Zuge, weil es keine Möglichkeit gab, diese abzurechnen.

    Ich möchte nichts von dem, was Sie geschrieben haben in Abrede stellen. Aber die aktuelle Diskussion lenkt die Menschen von der WAHRHEIT über die echten alternativen Möglichkeiten der Energiegewinnung schlichtweg ab.

    Hochachtungsvoll und mit freundlichem Gruß

    cornelia: fritz-jessat

    • Sehr geehrte cornelia: fritz-jessat,
      herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Ich stimme Ihnen zu, dass die Debatte um umweltfreundliche Energiequellen kompliziert ist und darin das Problem der Dieselmotoren nur eine kleine Rolle spielt. In diesem Kontext ist der Verweis auf Matthäus 7,3 interessant. Wer in der jetzigen Debatte auf Elektromotoren gegenüber Verbrennungsmotoren als Lösung verweist, muss sich damit auseinandersetzen, woher der notwendige Strom gewonnen werden soll (Atomenergie etc.). Wie ich jedoch in meinem Artikel versucht habe deutlich zu machen, steht im Zentrum des Abgasskandals die Manipulation des Motors bzw. die Lüge gegenüber dem Käufer und gegenüber den Testeinrichtungen. Die strengen Abgaslimits wurde durch eine Lüge umgangen. Hierauf habe ich mit dem Verweis die Bedeutung einer Lüge im Alten Testament hingewiesen. In der Welt des Alten Testament wurde im Besonderen die Folge einer Lüge bewertet und beurteilt. Die Folgen des Abgasskandals sind ein erhöhter Ausstoß von Schadstoffen und somit die bewusste Inkaufnahme der Schädigung von Natur und Menschen.
      Mit freundlichen Grüßen
      Till Magnus Steiner

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